Sharing is Caring?

Wir wollen unser Leben niemandem mehr vorenthalten. Das Teilen von Informationen ist spätestens seit Facebook gang und gäbe. Doch wir teilen längst nicht mehr nur Nullen und Einsen flächendeckend miteinander – die sogenannte Sharing Economy gewinnt an Bedeutung und findet gerade bei „Generation Facebook“, die mit dem Konzept sozialer Interaktion im Netz besonders vertraut ist, großen Anklang. Nutzen statt Besitzen lautet die Devise.

Wir kaufen, konsumieren, leisten Dienste, lassen Dienste leisten und besuchen Veranstaltungen. Wir schaffen an und werfen weg. Wir teilen unsere Erfahrungen mit Produkt X im sozialen Netzwerk Y. Wir reisen durch die Welt und lassen es den Rest der Menschheit über das Internet wissen. Fotos und Blogtagebuch selbstverständlich inklusive. Wir wollen unser Leben niemandem mehr vorenthalten. Das Teilen von Informationen ist spätestens seit Facebook gang und gäbe. Doch wir teilen längst nicht mehr nur Nullen und Einsen flächendeckend miteinander – die sogenannte Sharing Economy gewinnt an Bedeutung und findet gerade bei „Generation Facebook“, die mit dem Konzept sozialer Interaktion im Netz besonders vertraut ist, großen Anklang. Nutzen statt Besitzen lautet die Devise.

Sonntagabend in der Nürnberger Südstadt, die Straßen sind wie leergefegt. Ein paar hundert Meter noch. In der Mail stand doch die Adresse des Konzerts. Der fehlende Orientierungssinn wird dank Smartphone nicht zum Problem. Gefunden! Die Tür steht offen und auf dem Schild im Treppenhaus steht „Wohnzimmer durch den Hinterhof zu erreichen“. Ein paar Raucher scharen sich um den Eingangsbereich der Wohnung, in dem das Konzert stattfindet. In kleiner Runde wird hier einem Künstler aus Kanada gelauscht. Am Ende geht ein Korb mit Spenden umher, ganz in der Tradition der New Yorker Folkszene der 60er Jahre. Was zunächst nach geschlossener Gesellschaft klingt, ist eine Nische der Sharing Economy: Das Wohnzimmerkonzert. Hier wurde mithilfe von Facebook ein Veranstaltungsort für Labels und Booker bereitgestellt und einer kleinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dabei steht weniger die Nutzung des Wohnraums im Vordergrund als viel mehr die soziale Komponente. Diese stellt allerdings auch im materiellen Bereich dieser besonderen Ökonomik einen gewissen Mehrwert dar.

Harvard Professor Martin Weitzman prägte mit seinem bereits 1984 erschienenen Buch „The share economy. Conquering stagflation“ den Begriff. Darin stellte er noch alternative Lösungen für die Lohnverteilung in Unternehmen dar. Das World Wide Web hatte er dabei natürlich noch nicht auf dem Schirm. Die Bezeichnung hat sich trotzdem gehalten und beschreibt heute alle Web-Angebote zum Teilen und Tauschen von Produkten, Nutz- und Wohnraum, Fahrzeugen, sogar Nahrung. Bei rund 65 Millionen internetfähigen Geräten allein in Deutschland, ist die Wirtschaft des Teilens also für eine Just-in-Time Nutzung prädestiniert. Und das haben auch die entsprechenden Internetportale erkannt – sie bieten Apps für alle mobilen Systeme an, um ihren Dienst überall nutzbar zu machen.

10846928_836659616396717_974956735_nFür junge Menschen verliert das Statussymbol Auto als solches immer mehr an Bedeutung. Das ergaben Umfragen des Beratungsunternehmens Prophet. Vielmehr ginge es darum, von A nach B zu kommen. Rund ein Drittel können sich dabei Car-Sharing als Alternative zum eigenen Auto vorstellen. Car-Sharing Anbieter stellen dabei Kraftfahrzeuge an festen Stationen zur Verfügung, die nach Anmeldung des Kunden für einen bestimmten Zeitraum genutzt werden können. Da die meisten Fahrzeuge den Großteil ihrer Lebenszeit ungenutzt am Straßenrand verbringen, ermöglicht Car-Sharing eine effiziente Nutzung der Ressource Automobil. Dabei wird ein Fahrzeug im Durchschnitt regelmäßig von 70 Menschen genutzt. Um Wartung und Sprit kümmern sich die Anbieter wie Flinkster von der Deutschen Bahn oder Car2Go von Daimler.

Weniger im Alltag als viel mehr in der Welt zuhause ist das Konzept des Couchsurfens: Menschen bieten im Internet ihre Privatwohnung als Übernachtungsmöglichkeit für Touristen an. Dabei scheint es nicht primär ums Geld zu gehen. Die soziale Komponente macht, gerade für Reisende den größeren Reiz aus. Das ist keineswegs neu – die erste Community hierzu entstand bereits im Jahr 2004. Allerdings ist die Website mit zunehmender Kommerzialisierung durch die gesetzliche Aberkennung der Gemeinnützigkeit vom ursprünglichen Geheimtipp zum Mainstream avanciert. Als Alternative zu Hotels oder Ferienwohnungen. Wo früher Not oder Mittellosigkeit für unfreiwilliges Couchsurfing gesorgt haben, ist es seither die Reise- und Abenteuerlust junger Leute, die sie dazu treibt in fremden Städten, unter fremden Dächern zu nächtigen.

Couchsurfing_logoHier hört das große Teilen jedoch noch lange nicht auf. Die Sharing Economy umfasst mittlerweile Portale wie Norisbike, die das Prinzip des Car-Sharing auf Fahrräder überträgt. Lizenzgüter wie Filme oder Musik werden über Netflix und Spotify zum erschwinglichen Allgemeingut. Umsonstlädenlassen jeden Interessenten für ihn überflüssige Waren mitbringen und andere, die er besser gebrauchen kann, mitnehmen. Offene Bücherschränke als Mini-Bibliotheken auf öffentlichen Plätzen laden zum herausnehmen und hineinstellen ein. Wer in der Großstadt lebt und sich keinen Schrebergarten leisten möchte, aber trotzdem seinem grünen Daumen freien Lauf lassen möchte nutzt Garten-Sharing. Und wer lieber privat als mit der Bahn fährt nutzt Mitfahrgelegenheiten. Dabei ist man als Beifahrer meist günstiger unterwegs als als Zugpassagier. Das verärgert allerdings Unternehmen, die sich dem Marktwandel nicht anpassen wollen. Jüngst wurde der Dienst Uber mit beschuldigt, das Taxi-Monopol anzugreifen und das Geschäft zu zerstören.

Diese Unternehmen sehen sich mit einem neuen asymmetrisch verlaufenden Markt konfrontiert. Wo sich Hotels und Taxiunternehmen deutlichen Regularien unterordnen müssen, profitieren Couchsurfing und Uber von der Unabhängigkeit von staatlichen Regelungen. Das rief im Fall Uber kürzlich die Genossenschaft Taxi Deutschland auf den Plan, die eine deutschlandweite einstweilige Verfügung gegen den Chauffeur-Dienst erwirkt hat. Es sei eine eine Erlaubnis nach dem Personenbeförderungsgesetz erforderlich, so das Landgericht Frankfurt. Die Revision führte jedoch zur Aufhebung der Verfügung. In Belgien ging es schon härter zu: In einem ähnlichen Rechtsstreit wurde der Dienst UberPop verboten, der Privatpersonen als Chauffeure vermittelt.

Dabei stellt sich die Frage in der Wirtschaft: Sind diese Zweige der Sharing-Economy ein harmloser Zuverdienst oder schon Gewerbe? Das lässt sich nur im Einzelfall beantworten. Und tritt dieses Streitfeld nicht gegenüber dem ökologischen Mehrwert in den Hintergrund, dNew-Logo-Vertical-Darken die Sharing-Economy durch erhebliche Ressourcen-Einsparungen kann? Ökonom Jeremy Rifkin prophezeite bereits vor zehn Jahren in seinem Bestseller „Access“: „Die Ära des Eigentums geht zu Ende, das Zeitalter der Zugangs beginnt“. Allerdings steht für viele Nutzer nicht das Teilen als solches im Vordergrund, sondern die günstige Nutzung. Wirtschaftliche Motive also. Ein gängiges Prinzip der Industrie lautet: „Kunden wollen keine Bohrer, sondern Löcher in der Wand.“ Wo der kollaborative Konsum zunächst nach moderner Rückbesinnung auf eine weniger individualistisch geprägte Wirtschaft und Gesellschaft klingt, handeln seine Akteure doch vermehrt nach ökonomischen Prinzipien. Ökologischer Nutzen und sozialer Mehrwert werden dankend in Kauf genommen.

Besser funktioniert die Sharing-Economy als ökologische Alternative natürlich trotzdem. Gerade bei Alltagsgegenständen – Bohrmaschine und Rasenmäher liegen zu 99 Prozent der Zeit ungenutzt in der Ecke und das Auto steht auch fast den ganzen Tag in der Garage oder vor dem Arbeitsplatz. Die meisten Bücher belasten nur das Holz der Regale in denen sie verstauben und alte Kleidung macht auch nur noch den Motten Spaß. Der Living Planet Report des WWF Deutschland hat gezeigt, dass weltweit 1,5 mal so viel natürliche Ressourcen verbraucht werden, als jährlich nachwachsen. Hier könnte ein globales Bewusstsein des Wir-Konsums einen zweiten Planeten ersetzen, wie wir ihn laut dem Report bis 2030 bräuchten. Kollektives Teilen bedeute immense Ressourceneinsparungen.

Sicher ist: Teilen ist Trend. Ökologisch leben ist Trend. Die Generation Y möchte sich nicht mehr durch Besitz einschränken lassen. Verzichten möchte sie aber auch nicht. Endliche Ressourcen werden zwar auch weiterhin knapp werden, aber durch einen Boom der Sharing-Economy kann zumindest mehr Zeit für die Suche nach Alternativen erkauft werden.

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