Tiergarten Nürnberg macht Ah

Der Koloss rennt aus dem Wald, hinaus auf eine Lichtung. Der Mann erkennt seine Chance: Er wirft den Speer – und trifft. Der Wisent bricht zusammen, schnappt nach Luft. Der Mann steigt vom Ross, läuft auf den Bullen zu und macht ihm mit einer Axt den Garaus. Das letzte freilebende Wisent ist nun tot.

Es schreibt das Jahr 1919 und die Wilderei der Wisente im Bialowieza-Wald auf der weißrussisch-polnischen Grenze ist nicht mehr verboten. Das Zugrundegehen der Wisente wollte in der damaligen Zeit aber nicht jeder akzeptieren. Deshalb gründete der Internationale Naturschutz-Kongress die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“. Das ermöglichte die erste gezielte Erhaltungszucht: Durch Zucht mit Wisenten, die in menschlicher Obhut lebten, konnte die Tierart vor dem Aussterben gerettet werden.

Helmut Mägdefrau gewährt einen Einblick in das europäische Zuchtbuch der Schabrackentapire. Für diese Tierart koordiniert der Tiergarten Nürnberg das Erhaltungszuchtprogramm selbst. Foto: Saskia Herrmann

Gezielte Erhaltungszucht ist ein alter Hut, immer noch nötig und in zoologischen Gärten einfacher als im Freiland. Das bedeutet für Zoos: Stark machen für den Artenschutz. Dessen ist sich auch der Tiergarten Nürnberg bewusst und nimmt seit Beginn an dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP), das seit 1985 initiiert ist, teil. „Ursprünglich war das Ziel den Bestand von Tierarten in Zoos, unabhängig von Naturentnahmen, zu sichern“, erklärt Helmut Mägdefrau. Er ist stellvertretender Leiter des Tiergartens. Heute dient das Programm aber auch dazu, Tiere – wie die Przewalski-Pferde in der Mongolei – auszuwildern.

Ausgewilderte Przewalski-Pferde im Gobi-B-Schutzgebiet in der Mongolei. Foto: Archiv Tiergarten Nürnberg

Durch die Europäischen Zuchtbücher, die für Tiere bestehen, die innerhalb der EU an dem EEP teilnehmen, wird der Bestand der Tierart und auch Informationen über den Stammbaum eines jeden Tieres festgehalten. Dies mache den Austausch der Tiere zwischen den Zoos leichter koordinierbar. Das erleichtert, Inzucht zu vermeiden und dafür die genetische Vielfalt zu fördern. Für Zookritiker Frank Albrecht ist durch das EEP kein Erfolg erkennbar. Er führt das Beispiel der Auswilderung von Przewalski-Pferden voran. „Die Größe der Herden lassen sich nicht ohne weitere Auswilderungen durch den Zoo aufrechterhalten“, sagt Albrecht. Das Geld, das Zoos für die Transporte der Tiere bezahlen, sei in Projekten vor Ort besser investiert.

Forschung – eine weitere Aufgabe der Zoos

Hier setzt der Tiergarten in erster Linie auf zweckfreie Grundlagenforschung. „Solche Forschungen sind sehr wichtig. Sie können Erkenntnisse und Zusammenhänge für die Bionik bereithalten“, erklärt Mägdefrau. Als Beispiel der zweckgebundenen Forschung führt Mägdefrau die Erforschung von Stressempfinden bei Eisbären bei einem Transport im Rahmen des EEP an.

Auch die Wissensübermittlung spielt in Zoos eine große Rolle. „Wir gestalten die Gehege nach der gewohnten Umgebung der Tiere“, erklärt Mägdefrau. Dies solle den Besuchern vergegenwärtigen: Artenschutz beinhaltet den Schutz der Lebensräume. Der Tiergarten will aber nicht nur seine Gäste, sondern auch seine Leser erreichen. Durch die Tiergartenzeitung soll der Leser mehr über die Forschungen im Zoo und den täglichen Ablauf erfahren. „Wir versuchen aber auch immer über ein kritisches Thema zu informieren“, erzählt Mägdefrau.

Tierpflegerin Bina John erklärt Matthias Nicklas, wie er die Pinguine richtig füttert. Foto: Saskia Herrmann

Matthias Nicklas ist mit seiner Familie aus Bayreuth angereist. Durch den Gutschein „Besuch beim Lieblingstier“ hatte er die Möglichkeit, seinen Lieblingstieren – den Pinguinen – ein Stück näher zu kommen. Er hat sich mit der Zoobegleiterin direkt vor dem Gehege der Tiere getroffen, um bereits erste Informationen über die Tiere zu erhalten. Anschließend nimmt ihn die Tierpflegerin Bina John mit in das Gehege. Nicklas durfte aber nicht nur füttern – er durfte auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. „Ich muss erst einmal alles verarbeiten“, sagt der 40-Jährige. Obwohl Nicklas sich bereits viel über die Tiere angelesen hatte, waren ihm nicht alle Details bekannt. „Über das Leben der Tiere in einer Art Reihenhaussiedlung habe ich heute noch mehr erfahren können.“ Für den Bayreuther steht fest: Er besucht Tiergärten gerne, auch wenn diese häufig in der Kritik stehen kein artgerechtes Leben zu bieten. „Es handelt sich auch im Zoo um wilde Tiere, die genau wie Lebewesen in der freien Wildbahn, Abstand zu Menschen halten und vorsichtig sind.“

 

Website der Führungen durch den Tiergarten Nürnberg.

 

 

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