„TORPEDO“ bringt Freilauf zu den Menschen

„Ruhe im Gerichtssaal! Es ist der 5. Mai 1902. Das Landgericht Schweinfurt tagt heute, um die Todesursache von Streicher Wilhelm aufzuklären. Vor mir auf der Anklagebank sitzt Müller Hans, geboren am 22. November 1867 in Petershausen bei Konstanz. Entsprechen diese Angaben der Richtigkeit?“

Der Richter starrt Müller an, der unruhig von einem auf das andere Bein wippt. „Ja, das ist richtig“, entfährt es dumpf aus seinem Mund. „Heute hören wir den geladenen Zeugen Herrmann Hans und den Gutachter Schulz Walter. Bitte verweilen Sie auf ihren Plätzen, bis sie aufgerufen werden.“ Müller hatte bis jetzt noch nicht einmal verstanden, wieso ausgerechnet Herrmann gegen ihn aussagen möchte. Hatte er wirklich etwas Böses getan? Ausgerechnet sein Freund war es doch, der vor acht Jahren bei der ersten Konstruktion seiner Fahrradnabe dabei war und anschließend versuchte sie nachzubauen. Daraufhin ließ Müller seine Arbeit schnell noch patentieren. Schließlich wollte er mit seinem hinkenden Bein wenigstens eine erfolgreiche Firma aufbauen, da seine Chance auf eine Laufbahn im Radrennsport nach dem Unterschenkelbruch endgültig vertan war.

Die Gerichtsverhandlung

Die einzelnen Bauteile einer TORPEDO Freilaufnabe aus dem Jahr 1969. Foto: Oskar Sieber

„Die Staatsanwaltschaft liest nun die Anklageschrift vor.“ „Danke euer Ehren. Herr Hellmuth Müller wird beschuldigt verantwortlich für den Tod von Streicher Willhelm zu sein. Vergangenen Monat, am 10. April 1902, soll Müller seinem langjährigen Zuarbeiter Streicher in der Schweinfurter Präcisions-Kugellager-Werke Fichtel & Sachs ein Fahrrad zur Verfügung gestellt haben, mit dem das Opfer zur Arbeit und zurück nach Hause fahren könnte. Vergangenen Montag verunglückte Herr Streicher, als er am Bahnübergang Schweinfurt Nord die Schranke mit dem ihm überlassenen Fahrrad durchbrach und von dem herannahenden Zug überrollt wurde. Müller wird vorgeworfen, das Fahrrad mit einer speziellen Nabe präpariert zu haben, was schlussendlich zum Tod von Herrn Streicher führte.“ Bei dem Wort Tod setzt das Wehklagen der Familie von Streicher ein. Am liebsten hätte Müller bei dem Gedanken an den Tod seines Kollegen auch losgeweint. War wirklich seine Fahrradnabe verantwortlich für den Tod eines geliebten Menschen?

So schnell wie ein Pferd

Fahrrad mit eingebauter Nabe

Die Nabe des Fahrrads ist das Verbindungsstück zwischen dem Rad und dem Rahmen. Foto: Oskar Sieber

„Haben Sie, Herr Müller, etwas zu den Vorwürfen zu sagen?“ Der Richter schaut Müller gleichgültig an. Der ganze Gerichtssaal ist auf einen Schlag ganz ruhig. Krenz gibt Müller das Zeichen, er solle Reue zeigen, sich ausdrücklich entschuldigen und seine Unschuld beteuern. Stattdessen entschließt sich Müller kurzfristig anders und beginnt zu erzählen: „Mein Traum war es schon immer, aus eigenem Antrieb die Welt zu sehen. Ein Hochrad eröffnete mir erstmals die Möglichkeit, aus eigener Kraft so schnell zu sein wie ein Pferd. Doch so schön es für mich auch war, sah ich viele Menschen, für die es ein Hirngespinst blieb, jemals aus ihrer Stadt, geschweige denn ihrem Dorf aus Mangel an Zeit und finanziellen Mitteln herauszukommen. Seit wenigen Jahren merke ich, dass das Fahrrad noch lange nicht das ist, was es sein sollte – ein Fortbewegungsmittel für Bauern, Arbeiter, Händler, Juristen – kurzum: ein Gefährt für alle. Darum fing ich an, das Werk von meinem Vorbild James Starley, der das Sicherheitsniederrad erfand und den Ruf des Hochrads als „Macho Bicycle“ ablöste, fortzuführen und eine Möglichkeit zu entwickeln, sicherer und schneller mit dem Fahrrad voranzukommen. Mein guter Freund Streicher Wilhelm war einer meiner längsten Mitarbeiter, ihm wollte ich ermöglichen, meine neue entwickelte Freilaufnabe zu verwenden.“ Während er redete, bemerkte Müller wie sein Verteidiger Krenz immer weißer wurde. Abrupt stoppte er und fühlte sich ertappt. Nach einer kurzen Pause fügte er noch knapp hinzu: „Ich bedauere sehr, dass er nicht mehr unter den Lebenden ist.“ Der Richter und die Staatsanwaltschaft schauen ihn fragend an. War das soeben ein Geständnis?

Funktion einer Freilaufnabe

Nach kurzem Besinnen fährt der Richter fort: „Aus gegebenem Anlass wird zuerst der Sachverständige gerufen, um Licht ins Dunkle zu bringen. Können Sie uns erklären, was Herr Müller mit einer Freilaufnabe meint?“ Der Sachverständige kratzt sich kurz am Kopf und beginnt in einem verheißungsvollem Tonfall: „Sehr geehrtes Gericht, aus den technischen Zeichnungen, die mir zugetragen wurden und aus den Aussagen des Verbands für Fahrradrennen in Schweinfurt, ist nur so viel über eine Freilaufnabe bekannt, dass es gegen das jahrelang bewährte Prinzip des „entgegen der Fahrtrichtung Treten“ ist. Eine Art Kupplung innerhalb der Nabe am Hinterrad, soll es ermöglichen, auf den Pedalen zu ruhen, selbst wenn die Räder weiterhin rollen. Den genauen Freilauf, den Herr Müller konstruierte, besteht aus fünf kleinen Walzen, die sich in einer Führung befinden und beim Vorwärtstreten in die Pedale an die Nabenhülse gepresst werden. Sobald allerdings der Fahrer aufhört zu treten oder gar so schnell wird, sodass die Umdrehungen der Pedale langsamer werden als die des Hinterrads, können sich die Walzen frei bewegen und die Kraftübertragung ist gestoppt. Der Verband für Fahrradrennen sieht darin ein Hexenwerk für Verrückte. Viel zu gefährlich sei das ungehinderte Rollen, das den Fahrer zu immer höheren Geschwindigkeiten verleite, ohne durch Entgegentreten bremsen zu können.“

Diese Worte hatte Müller schon oft gehört. Es stimmt, dass die momentane Bremswirkung des Rücktritts noch viel zu schwach sei, um eine schnelle Bremswirkung zu erreichen, aber er ist überzeugt, auch dieses Problem in wenigen Monaten lösen zu können. Jedoch schweigt Müller diesmal. „Danke, Herr Gutachter, für diese detaillierte Beschreibung. Wenn Sie, Herr Müller, nichts dazu zu sagen haben, überlasse ich das Wort der Staatsanwaltschaft.“
„Vielen Dank, euer Ehren, ich rufe Hermann Hans in den Zeugenstand!“

Hoher Konkurrenzdruck

 

Gemächlich mit hoch erhobenem Haupt schlendert Hermann zu seinem Platz neben dem Richterpult. Nicht eines Blickes würdigt er Müller, der schon seit Beginn der Verhandlung versucht hatte, Blickkontakt mit seinem Freund aufzunehmen. Lange hatte Hermann auf diesen Moment gewartet, Tage und Wochen damit verbracht sich auszumalen, wie er endlich seinen größten Kontrahenten ausstechen könnte. Nun war es so weit, ein letztes Mal ging er in sich, bevor er begann zu sprechen.

1904 kostete eine TORPEDO Freilaufnabe 27 Mark. Zum Vergleich: Der Preis für ein Kilogramm Brot war 0,46 Mark. Foto: Oskar Sieber

Hermann und Müller lernten sich 1894 kennen. Ein Jahr später gründeten Fichtel, ein brillanter Kaufmann, und Müller eine Firma, um ausschließlich Naben in Serie zu produzieren. Fichtel war Herrmann schon immer ein Dorn im Auge, da er eigentlich schon längst ein eigenes Geschäft mit Fahrrädern eröffnen wollte. Allerdings schaffte er es nicht, eine geeignete Konstruktion für eine Freilaufnabe zu entwickeln. Müller und Herrmann blieben Freunde, aber insgeheim verfluchte er den Erfolg der beiden Unternehmer. Nachdem Müller ihm eines Tages erzählte, er wolle seine neu entwickelte Freilaufnabe endlich vermehrt testen und den Arbeitern in der Firma zur Verfügung stellen, flammte neue Freude in Herrmanns Augen auf.

Gerade hatte Herrmann damit begonnen zu erzählen, wie gefährlich die Tendenzen von Müllers Gedankengut im Laufe der letzten Jahre waren, wie leichtsinnig er gegenüber seinen Arbeitern wurde. „Dann, letzten Monat, übergab Müller die Freilaufnabe seinem treuesten Mitarbeiter Streicher. Ich fragte noch, ob denn der Freilauf gefährlich sei. Daraufhin fuhr Müller mich an, dass die ganzen Leute in der Firma sowieso nur wertlose Handlanger wären, die sich wenigstens beim Test der Nabe nützlich machen könnten. Und jetzt ist ein geliebter Mensch tot. Wegen diesem Mann!“ Hermann zeigt auf Müller und empörte Zwischenrufe aus dem Publikum wallen durch den Gerichtssaal auf den Beschuldigten zu. Er kann nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Spielen ihm seine Sinne gerade einen Streich? Erst der Zwischenruf des Richters, lässt Müller wieder aufhorchen.

„Was haben Sie dazu zu sagen?“ Nach langer Pause weiß Müller immer noch nicht, was er sagen solle. So langsam ahnt er, dass Herrmann all die Jahre immer nur versucht hatte, ihn zu hintergehen. „Ich verlange gehört zu werden!“ Mit einem Schlag öffnet sich die Tür zum Gerichtssaal. „Ich habe Neuigkeiten für die Verhandlung gegen Müller. Er ist unschuldig. Ich habe Beweise!“ Fichtel steht in der Tür. Von allen Seiten kommen Polizisten mit Schlagstecken herbeigeeilt. „Lasst ihn gewähren!“, ruft der Richter dazwischen und die Beamten bleiben stehen. Fichtel sammelt sich kurz und beginnt zu erzählen: „An dem Todestag des geschätzten Kollegen Streicher Wilhelm nutzte dieser gar nicht das Fahrrad, in welches Müller seine Freilaufnabe montierte, sondern eines von Herrmann. Bei dem Aufprall mit dem Zug wurde das Fahrrad zwar erfasst, aber in ein großes Gebüsch geschleudert. Sie können es sich selbst ansehen!“

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Freilauf von der Fahrradbranche eingesetzt

Die günstig herstellbare Fahrradnabe machte ein Fahrrad Anfang des 20. Jahrhunderts erschwinglich für die Arbeiterschicht. Foto: Oskar Sieber

„Vorsicht, bitte!“ Ein Fahrradfahrer ist auf dem Weg zur Arbeit und schlängelt sich neben Kutschen, Fußgängern und Marktständen hindurch. Es ist ein schöner Sommertag im Juli 1909 und ganz Schweinfurt ist in heller Aufregung. Die neueste „TORPEDO Freilaufnabe“ soll heute in Serienfertigung gehen. Es ist bereits das vierte Modell der „TORPEDO“-Reihe nach den Vorgängermodellen von 1903, 1905 und 1907. Gemeinsam mit seinem Kollegen Fichtel, ist Müller zu den angesehensten Männern der Stadt geworden. Auch dieses Jahr konnten sie die Preise für die Nabe erneut senken, sodass sich mittlerweile noch mehr Leute ein Fahrrad leisten können. Fast jeder fünfte Arbeiter in Schweinfurt ist mit dem Fahrrad unterwegs. „Die TORPEDO Freilaufnabe gilt mittlerweile als eines der erfolgreichsten Serienproduktionen weltweit“, liest Müller aus dem Schweinfurter Tagesanzeiger vor und schaut erwartungsvoll zu Fichtel, der mit einem Lächeln antwortet: „Ich sage, das ist erst der Anfang. Selbst meine Kindeskinder sollen noch mit TORPEDO zur Schule fahren.“

Und so kam es, dass knapp hundert Jahre später, mehrere hundert Millionen Fahrradnaben in Schweinfurt produziert und in die ganze Welt verschifft wurden. Die erfolgreichste Fahrradnabe aller Zeiten ebnete den Weg für das Fahrrad als Fortbewegungsmittel aller Bevölkerungsschichten – bis heute.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.