Tot und noch immer präsent

Sabine Landes und Dennis Schmolk beschäftigen sich mit dem Tod. Seit zwei Jahren bloggen die beiden über den digitalen Nachlass. Sie sind darauf aufmerksam geworden, nachdem in einer Studie zu Tage kam, dass sich fast kein Deutscher Gedanken über sein digitales Erbe macht.

Bei ihrer Veranstaltung auf der Nürnberg Web Week haben sie sich den Fragen des Publikums gestellt und Tipps zum Umgang mit dem Verbleib digitaler Identitäten gegeben. Wenig erstaunlich war, dass sich keiner der Anwesenden Gedanken zu diesem Thema gemacht hat.

 

Was ist der digitale Nachlass?

 

Dennis Schmolk während der Einführung. Foto: Celine Pickel

Selbst über den Umfang des digitalen Nachlasses sind sich viele nicht im Klaren. Ein Facebook- und Email-Account gehören dazu. Dass sogar Daten von USB-Sticks und Festplatten inbegriffen sind, wissen die wenigsten. Des Weiteren sind unter diesem Oberbegriff sämtliche Benutzerkonten von Websites, aber auch online abgeschlossene Verträge oder Guthaben auf Bezahlplattformen, wie PayPal, zusammengefasst. Bei jedem dieser Konten muss der Benutzer einen Namen und ein Passwort festlegen. Schon als aktiver Nutzer ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Wenn derjenige aber gestorben ist, wird es schwer für seine Nachfahren, Passwörter und Benutzernamen herauszufinden. Eine wahre Sisyphos-Aufgabe ist es jedoch, aus der Flut an Websites im Internet diejenigen herauszupicken, auf denen der Verstorbene aktiv war. Im Publikum sitzt Julia Wieland. Obwohl sie bloggt und auf Instagram aktiv ist, hat sie sich bisher noch nicht mit ihrem digitalen Nachlass befasst. „Eine Sensibilisierung ist hier auf jeden Fall notwendig“, meint die Bloggerin.

 

Der rechtliche Rahmen

 

Der„Digitale Nachlass“ ist erst seit kurzem im Gespräch. Daher gibt es aus rechtlicher Sicht keine eindeutigen Vorgaben. Es gilt hierbei das herkömmliche Erbrecht. Das heißt: Wird das Erbe angenommen, müssen sich die Erben um die Onlineaktivitäten und -verträge kümmern. Auf vielen Plattformen ist Datensicherheit ein wichtiger Aspekt und hier wird es dann mit dem Antreten des Erbes problematisch. Es gibt einige Websites, wie beispielsweise Facebook.de, bei denen Nachlasskontakte festgelegt werden können, denen im Todesfall der Account überschrieben wird und die dann nach vorher festgelegten Regeln handeln. Bei anderen Onlinediensten, zum Beispiel Yahoo.de, ist es quasi unmöglich, an die Zugangsdaten des Verstorbenen zu gelangen. Es werden ins Englische übersetzte Todes- und Erbnachweise gefordert. Selbst wenn die geforderten Dokumentenberge übersetzt an Yahoo gesendet sind, ist es nicht gesichert, auch wirklich die Zugangsdaten zu bekommen.

 

Gestaltung des digitalen Nachlasses

 

Die Teilnehmer erfahren viel Neues. Foto: Celine Pickel

Wie geht man also mit seinen Konten um?  Sabine Landes und Dennis Schmolk sind sich sicher: Vorsorge ist auf jeden Fall besser. Sie haben Clouds angelegt mit Nutzernamen und Passwörtern nebst den zugehörigen Internetadressen. Zusätzlich haben die zwei Blogger Hinweise zu jedem Nutzerkonto geschrieben, um festzulegen, was nach ihrem Ableben damit passieren soll.
Es ist jedem selbst überlassen, ob er ein Dokument bei einem Notar, in einem Bankschließfach verwahrt oder ob er Clouds oder USB-Sticks damit füllt. Ein zusätzliches Master-Passwort, das gut auffindbar hinterlegt wird, ist sicherlich empfehlenswert. „Man muss damit rechnen, dass das passiert, was man nicht will“, ist sich Dennis Schmolk sicher. Um das zu verhindern, muss mit dem engsten Freundeskreis und der Familie geredet werden. Nur so ist sicherzustellen, dass im Nachhinein alles gefunden und nach eigenem Willen umgesetzt wird.
Wenn es zu spät zur Vorsorge ist, bleibt nur noch die Nachsorge. Es gibt Dienstleister wie Columba, die sich darum kümmern, möglichst viele Online-Accounts des Verstorbenen herauszufinden und diese zu löschen. Ungewiss bleibt jedoch, ob wirklich alle Konten gefunden und gelöscht werden.

Der digitale Nachlass wird immer wichtiger, da sich ein großer Teil des Lebens online abspielt. Niemand weiß, wann er stirbt. Eine Besucherin meinte nach der Session: „So genau habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Aber das wird mir jetzt wahrscheinlich noch ein wenig länger im Kopf herumspuken.“

 

Interview mit Dennis Schmolk

 

Dennis Schmolk. Foto: Celine Pickel

Dennis Schmolk führt zusammen mit Sabine Landes den Blog „digital.danach“. Dort befassen sich beide seit zwei Jahren aktiv mit dem Tod und dem digitalen Nachlass, also dem, was online übrig bleibt. Getroffen habe ich Dennis Schmolk auf der Session zum digitalen Nachlass auf der Nürnberg Web Week.

Wie sind Sie auf das Thema „Digitaler Nachlass“ gekommen?

Das kam durch die Medienresonanz über eine Studie, die sich mit diesem Thema befasst hat. Sie hat gezeigt, dass sich bisher nur wenige Personen damit befasst haben. Was uns aber auch nicht überrascht hat, da die meisten Leute von diesem Thema wahrscheinlich noch nie gehört hatten. Aber infolgedessen haben die Medien überhaupt mal damit angefangen, darüber zu berichten. Wir hatten vorher auch noch nie darüber nachgedacht und uns ist ziemlich schnell aufgefallen: Da gibt’s ja wirklich was, was man irgendwie bedenken sollte, gerade dann, wenn man selber kreativ etwas im Internet schafft. Deswegen haben wir uns gedacht, naja, da gibt’s noch nicht viel, da machen wir auch was dazu.

Haben Sie bereits persönliche Erfahrungen mit diesem Thema gemacht?

Wir standen zum Glück noch vor keiner völlig unüberschaubaren Erbmasse. Aber ich kriege schon seit Jahren Geburtstagserinnerungen von Leuten auf Facebook, von denen ich weiß, sie sind verstorben. Das waren alles eher entfernte Bekannte, sodass mich das jetzt nicht stört. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass das für nahe Angehörige traumatisch sein kann. Wir haben angefangen zu recherchieren und uns zu überlegen, was denn mit solchen Geschichten passiert. Ein guter Bekannter von mir ist vor über zehn Jahren gestorben und hat einen unübersehbaren Wust von externen Festplatten hinterlassen, auf die er alle möglichen Dateien gekleistert hatte, vor allem unglaublich viel Musik und Zeug aus dem Internet. Das war letztlich für niemanden wirklich belastend und für niemanden besonders wertvoll, aber es hat mich schon beeindruckt.

Bekommen Sie unterschiedliche Reaktionen zu hören?

Wir kriegen ziemlich viel positive Resonanz, gerade auf Workshops, Vorträgen, Sessions, auch auf Barcamps. Auch auf der Republica und aus dem persönlichen Umfeld haben wir sehr positives Feedback zu unserem Workshop bekommen. Negatives Feedback gab es schon anfangs, aber jetzt auch nicht so direkt negativ, sondern eher neutral im Sinne von: „Aha, interessant was ihr da so macht.“ So nach dem Motto: „Das geht mich nix an.“ Vielleicht eine Art Anti-Digitaler-Snobismus, der das dann auch auf die Nachlassfrage transferiert. Den haben wir anfangs ein bisschen im persönlichen Familien- und Freundeskreis erlebt. Aber auch die sind inzwischen verstummt, weil die Medien so viel berichtet haben, auch große Medien über große Fälle. Da ist allen Leuten klar geworden, da hängt was Relevantes an dem Thema dran.

 

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