Von der Jukebox zum Hero

Die Neonröhren flackern kurz auf, dann erstrahlt die Box in den Farben des Regenbogens. Das Licht wird auf den verchromten Teilen gespiegelt und glänzt silbrig. Hinter der großen verglasten Panoramascheibe im Bildschirmformat sind 200 Songs aufgelistet.

Elvis, Buddy Holly, The Coasters, Chuck Berry und Conny Froboess dürfen auf keinen Fall fehlen und sind auf den weißen Songkärtchen gleich mehrmals vertreten. Mit der türkisenen Farbe ist sie ein echter Hingucker und soll sofort alle Blicke auf sich ziehen. Die neue Jukebox ist der letzte Lichtblick für Andy Pfeiffer, um seine Bar nochmal zum Laufen zu bringen.

Er hat sich mit seinen letzten Ersparnissen die neueste Jukebox der Firma AMI gekauft. Über einen holländischen Vertrieb hat er das Modell aus den USA ergattert und ist nun stolzer Besitzer der AMI 200 I. Diese Baureihe, die erstmals im Februar 1958 vorgestellt wurde, steht jetzt einen Monat nach Erwerb in seiner Bar. Für die Jukebox hat er ein kleines Vermögen hingeblättert. Insgesamt kostete ihn das Modell 4 000 Deutsche Mark – eine richtige Investition, die sich hoffentlich auszahlen wird. Für jeden Song schluckt die Box 20 Pfennige, drei Stück kosten 50 Pfennige und für eine Mark spielt die Box gleich sechs Lieder. Er hat zudem 200 Single-Platten mit den neuesten Hits besorgt, um junges Publikum anzulocken und das Geschäft ins Laufen zu bringen.

Silberne Zeiten

Von Elvis über Buddy Holly. Foto: Lena-Sophie Fettweis

Heute hat Andy die Bar erst später aufgemacht, um die neue Jukebox noch anzuschließen und einen Testlauf mit dem Freispieler durchzuführen. Das ist eine im Gehäuse verbaute Taste, die es ihm als Aufsteller ermöglicht zu testen, ob die Musik läuft, ohne selbst Münzen einzuwerfen. Die Lautsprecher, Mechanik und Elektronik funktionieren einwandfrei, es kann los gehen. Andy öffnet die Tür für seine Gäste. Es hat sich schnell rumgesprochen, dass er als einer der wenigen die neueste Jukebox auf dem Markt hat. Die Bar füllt sich. Es herrscht großes Staunen, da das Design überwältigend ist und sofort überzeugt. Mit ihren 150 Kilogramm ist die Box nicht gerade leicht und steht direkt neben der Theke. Auffällig ist vor allem der hell türkisene Lack und neben den fluoreszierenden Lichtern sticht der Chromglanz der Metallbeschläge ins Auge. Dazu kommen Kühlergrill, Chromleisten, Sichtkuppel und Panoramascheibe. „Sieht aus wie mein 56-er Ford Thunderbird“, bemerkt ein Gast. Er inspiziert die Jukebox aus der Nähe und stellt fest, dass im Gegensatz zum Vorgängermodell AMI G200, viele Stilelemente aus der Auto- und Raumfahrtindustrie eingearbeitet wurden. Die Chromleisten erinnern an Stoßstangen und der Kühlergrill in der Wabengitter-Optik mit dem AMI-Logo darauf lässt die Musikbox tatsächlich einem Auto in Miniaturgröße ähneln. Selbst kleine Details, wie die mit Strasssteinen unterlegte obere Leiste auf Augenhöhe wurden aufwändig ins Design miteingebracht. Der bunt beleuchtete untere Teil der Jukebox ist im wahrsten Sinne des Wortes das „Highlight“- sie erhellt den Raum und zieht weitere Gäste an.

 

Vom Münzeinwurf bis zum Songauswurf

Alle warten darauf, dass ein Song gespielt wird. Susan holt eine Münze aus ihrer Tasche und steckt sie in den dafür vorgesehenen Schlitz. Sofort klackert es und das Geldstück fällt in den Auswurf zurück. Andy bemerkt die Schwierigkeit und kommt ihr zur Hilfe. Er schaut sich die Münze an und stellt fest, dass es ein englisches Pound ist. „Nur DM funktionieren in diesem Automaten, anderes Geld erkennt der Münzprüfer sofort“, sagt Andy. Er erklärt weiter, dass der eingebaute Münzprüfer das eingeworfene Objekt auf Gewicht, Legierung und Durchmesser testet und  Schmutz oder Rückstände beispielsweise von Öl die Münzen verfälschen können und die Jukebox es dann nicht annimmt. Jetzt versucht es Susan nochmal mit 20 Pfennig und es funktioniert. Als nächstes muss sie sich einen Song aussuchen. Hinter der Glasscheibe gibt es eine riesige Auswahl von insgesamt 200 Liedern, die Andy selbstausgesucht hat. Darunter auch ihren Lieblingssong von Elvis. Sie tippt die Tastenkombination ein, die zusammen mit dem Titel auf der Karteikarte steht und drückt dabei zuerst links von ihr die rot aufleuchtende Taste „E“, danach auf die rechte, blaue Taste „19“.

 

Die Jukebox zieht tanzwütige Menschen in die Bar. Foto: Lena-Sophie Fettweis

Daraufhin setzt sich der Plattenkranz in Bewegung, dreht einige Runden, bevor er die richtige Platte raussucht. Andy nimmt den kritischen Blick auf ihrem Gesicht wahr; es dauert ihr zu lange. Er erklärt ihr, dass die Titel in Wahlspeichereinheiten gesichert werden und sie auch gleich mehrere Titel auswählen kann, die für das spätere Abspielen gespeichert werden, wobei das Gerät nicht nach Wahlreihenfolge, sondern nach gespeicherter Vorlage geht. „Du kannst zwar einen Teil der Arbeit sehen, nämlich das drehende Plattenrad mit dem sichtbaren Wechselmechanismus im oberen Teil, aber im Inneren der Box passiert noch viel mehr, da stecken viele Arbeitsschritte dahinter.“ Er fährt fort und sagt, dass es Metallstifte an der Wahlspeichereinheit gäbe, die rein mechanisch, also mit Zahnrädern funktionierten. Weil die Jukebox 200 Songs spielen könne, gäbe es insgesamt 200 Metallstifte, 100 davon an der äußeren Seite des Rads und 100 an der inneren Seite angebracht, jeweils für die A- und B-Seite der Platte. An jedem Stift sitzt ein Elektromagnet, der bestromt wird und dadurch den Pin nach außen schießt und somit den Sucherschlitten in Bewegung setzt, sodass er losfährt. Dieser erkennt, welcher Pin bewegt wurde, bleibt an der richtigen Stelle stehen, holt die Platte heraus und legt sie mit dem Greifarm auf den Plattenteller. Dann wird nur noch die Tonnadel auf der Platte abgesetzt und… „Well a hard headed woman, a soft headed man been the cause of trouble ever since the world began…“ schallt es aus den eingebauten Lautsprechern der Jukebox. Susan ist begeistert vom klaren, durchdringenden Sound und der komplexen Funktionsweise: „Niemals hätte ich gedacht, dass so viel Elektronik und Technik in der Musikbox stecken.“

 

Die Jukebox als Lifestyle

Musik gegen Münzen. Foto: Lena-Sophie Fettweis

Elvis erklingt aus den Boxen und die Gäste schwingen das Tanz-Bein auf der schwarz-weiß karierten Tanzfläche. Die bunten, gepunkteten Kleider der Mädchen fliegen nur so daher, während die hochgestylte Haartolle der Jungen im Takt des Liedes wackelt. Gekleidet in Lederjacken und Schlaghosen gleiten auch sie über das Parkett, egal ob mit oder ohne Früchtebowle in der Hand. Der Barbesitzer freut sich, die AMI 200 kommt bei den Gästen super an und so langsam füllt sich auch der Münzbehälter. Vier Wochen später ist die Begeisterung immer noch groß. Die Jugend hat einen Treffpunkt gefunden, wo sie die Schallplatten der aktuellen Hits hören kann und die Jukebox auf Knopfdruck ihren Lieblingssong abspielt. Endlich nicht mehr nur Schlager aus dem Radio, sondern amerikanischen Rock’n’Roll, zu dem alle gern und wild tanzen. Andy hat es geschafft, seine Investition mit der begehrten Jukebox wieder einzuspielen. Um eine noch bessere Quote zu erzielen, hat er einen Popularitätszähler eingebaut. Der zeigt an, wie oft jede einzelne Schallplatte gespielt wurde, also wie beliebt sie ist. Daran erkennt er, welche Titel gut angenommen werden und welche ein Flop sind. Entsprechend kann er reagieren und manche Platten austauschen und so sein Geschäft weiter verbessern.

 

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