Von der Schüssel in den Fluss – Der aufwendige Weg des Abwassers

Kondome, Unterwäsche oder auch schon mal ein Handy – all diese Dinge landen in der Toilettenschüssel. Kaum einer denkt darüber nach, welche komplexen und langwierigen Prozesse hinter der Reinigung des Abwassers stecken. Der technische und finanzielle Aufwand der Anlagen- und…

Kondome, Unterwäsche oder auch schon mal ein Handy – all diese Dinge landen in der Toilettenschüssel. Kaum einer denkt darüber nach, welche komplexen und langwierigen Prozesse hinter der Reinigung des Abwassers stecken. Der technische und finanzielle Aufwand der Anlagen- und Verfahrenstechnik in Klärwerken ist erheblich.


Boah, das stinkt!“ Die zehnjährige Ayşe (Name geändert) hält sich die Nase zu und grinst. „Hier riecht’s ja wie im Kuhstall!“, lacht das Mädchen, das neben ihr läuft. Die zwei Lehrerinnen rümpfen die Nase und versuchen sich nichts anmerken zu lassen. Gekicher hallt auf dem Industriegelände an der Adolf-Braun-Straße in Nürnberg. Die vierte Klasse einer Nürnberger Grundschule hat heute Ausflugstag in das Klärwerk eins in Muggenhof. Neugierig löchern die Kinder Christian Bürgmann mit Fragen. Bürgmann ist Elektrotechniker und einer der Leiter der öffentlichen Führungen.

Klärung des Abwassers ist nicht selbstverständlich

Aus der Gesellschaft sind Kläranlagen heutzutage nicht mehr wegzudenken. Privathaushalte und Industrie sind permanent von der Entsorgung des verschmutzten Wassers abhängig. Um zu verstehen, wieso die monatlichen Zahlungen für Abwasser nötig sind, sollte sich jeder Bürger mit der Aufwendigkeit des Klärungsprozesses auskennen. Das bestenfalls im Verborgenen ablaufende Verfahren vom Abwasser zum sauberen Wasser ist nicht selbstverständlich. Komplizierte mechanische und biologische Verfahren sorgen für gereinigtes Wasser am Ausfluss von Kläranlagen. Es ist wichtig, dass es so rein ist, dass es keinen groben Schmutz, keine schädlichen Substanzen und Fette mehr enthält. Um sicherzugehen, dass das geklärte Abwasser keine Gefahr für die Umwelt darstellt, unterliegt es regelmäßigen Kontrollen. In Nürnberg fließt das gereinigte Wasser in die Pegnitz.

Täglich einhundert gefüllte Schwimmbecken

Nürnberg hat ca. 500.000 Einwohner, die pro Person bis zu 122 Liter Abwasser täglich produzieren. Das sind 61 Millionen Liter Wasser, die innerhalb von 24 Stunden den Abfluss hinunterlaufen. Damit könnte man ca. einhundert Schwimmbecken befüllen. Die Industrie in Nürnberg produziert doppelt soviel Abwasser wie Privathaushalte. Die Gesamtmenge fließt in die Klärwerke eins und zwei. „Das Wasser strömt aus den Haushalten durch unterirdische Rohre in die Sammelstation unseres Klärwerks.“, erklärt Bürgmann den Kindern. Er öffnet eine Tür und bittet die Klasse vorsichtig hineinzugehen. „Hier seht ihr die motorbetriebenen Transportschnecken (Abb.1), die das Wasser in den Klärwerkzulauf befördern.“ Vor der Gruppe dreht sich eine von drei Schnecken, die wie überdimensionale Schraubengewinde aussehen. Von dort aus gelangt das Wasser dann zur mechanischen Reinigungsstufe.

Scherben werden aus dem Abwasser entfernt

Abb.1: Transportschnecken zum Befördern des Abwassers

Abb.1: Transportschnecken zum Befördern des Abwassers

Die Rechenanlage entfernt die gröbsten Stoffe, beispielsweise Tierkadaver oder Kondome. Anschließend strömt das Wasser in den Sand- und Fettfang. Eine Belüftung im Wasser verringert die Fließgeschwindigkeit des Abwassers, sodass sich schwere Stoffe wie Steine, Glasscherben oder grober Sand absetzen. Im Nebenbecken lagert sich der feinere Schlamm ab und das enthaltene Fett schwimmt oben auf. Breite Schieber fahren über die Wasseroberfläche, um die Öle abzutransportieren. Ab hier ist die mechanische Stufe der Klärung abgeschlossen.

Bakterien ernähren sich von Kohlenstoffverbindungen

Bürgmann führt die Kinder durch einen Gang unter der Erde (Abb.2). Links und rechts befinden sich Rohre mit verschiedenen Aufschriften: „Sauerstoff“, „Trinkwasser“, „Abwasser“. Einige der Rohre führen zu der biologischen Stufe der Klärung, den Belebtschlammbecken. In diesem Teil der Anlage kümmern sich Mikroorganismen um die Reinigung des Wassers. „Hier leben die Kleinstlebewesen. Was, denkt ihr, brauchen die zum Überleben?“, fragt Bürgmann. „Nahrung, Wasser und Luft!“, ruft ein Mädchen. Die im Belebtschlamm angesiedelten Bakterien ernähren sich in der ersten biologischen Reinigungsstufe (Hochlast-Belebungsanlage) von den Kohlenstoffverbindungen im Abwasser. Um die Mikroorganismen am Leben zu erhalten, sind rund zwanzig Prozent Sauerstoff im Becken nötig. Die Begasung des Wasser-Schlamm-Gemischs erfolgt durch unterirdische Düsen. Die zweite biologische Reinigungsstufe (Schwachlast-Belebungsanlage) entfernt den restlichen Kohlenstoff und die Stickstoffe. Die Bakterien in diesem Becken benötigen den Sauerstoff, der an die Stickstoffverbindungen im Abwasser gebunden ist. Anschließend fließt das Wasser-Schlamm-Gemisch in ein großes, rundes Absetzbecken, in dem sich die Sedimente mit Bakterien vom Wasser trennen. Der Schlamm wird zurück in die Belebungsbecken gepumpt und wiederverwendet.

Abb.2: Unterirdischer Tunnel mit Leitungen

Abb.2: Unterirdischer Tunnel mit Leitungen

Karpfen im geklärten Abwasser

Zum Schluss durchläuft das Wasser eine Filtrationsanlage. Es fließt durch ein feines Filterbett, um die restlichen Schwebstoffe, wie feine Sedimentbestandteile und Schlammflocken zu entfernen. Christian Bürgmann führt die Kinder in eine begrünte Ecke der Anlage, in der sich ein kleiner Teich mit Zulauf befindet. Er erklärt, dass in dem Teich mehrere Karpfen leben. „Etwas von unserem aufbereiteten Wasser wird hier in den Teich gepumpt. Die Karpfen werden regelmäßig untersucht und mit den Karpfen in der Pegnitz verglichen. Bis jetzt hatten sogar unsere Karpfen die besseren Werte.“

Nicht ganz unbedenkliche Rückstände

Trotzdem kann man das Wasser nicht trinken. Die Reinigungsleistung des Klärwerkes liegt bei 98 Prozent. Es sind immer noch Salze, Rückstände von Medikamenten und Hormone enthalten. Bisher ist es noch nicht gelungen das Wasser von diesen Unreinheiten zu befreien. Sie fließen in die Flüsse und gelangen somit auch ins Grundwasser. Es bleibt zu hoffen, dass sich zukünftig Mittel und Wege finden, diese Stoffe aus dem Abwasser zu entfernen.

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