Von Mendel bis Monsanto

Wenn es Frühling wird, bereitet der Landwirt Gerhard Enzner sein Arbeitsgerät für die anstehende Aussaat vor. Neben Schrauben nachziehen und Radlager fetten stehen bei ihm dabei auch Striegeln und Füttern auf dem Plan, denn ein Teil seiner Maschinen wird noch von Pferden und Ochsen gezogen.

Faserhanf im Fränkischen Freilandmuseum         Foto: Tobias Tratz

Der 56-Jährige ist Landwirt im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Hier werden die Felder mit verschiedenen Landmaschinen aus dem letzten Jahrhundert bestellt, um die Kulturlandschaft vergangener Tage möglichst realistisch darzustellen. Diese Bemühung spiegelt sich in der Auswahl der angebauten Pflanzen wider. „Neben Weizen, Roggen und Gerste werden bei uns auch alte und vergessene Sorten wie Emmer, Einkorn, Amaranth und Hanf angebaut“, erklärt Enzner. „Und auch in useren Bauerngärten finden sich einige alte Sorten, die heute kaum noch jemand kennt.“ Damit hat er vermutlich nicht ganz unrecht, doch gerade bei Hobby- und Kleingärtnern scheinen alte Sorten gerade wieder hoch im Kurs zu stehen. Doch was unterscheidet alte von neuen Sorten? Um diese Frage beantworten zu können, ist es hilfreich, die Entwicklung der modernen Pflanzenzucht einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Beginn der Pflanzenzucht

Schon seit Jahrtausenden domestiziert der Mensch Pflanzen. So wird zum Beispiel Einkorn, eines der ältesten Getreide, mindestens seit etwa 6500 v. Chr. angebaut. Auch bei der Gletschermumie „Ötzi“ fand man eine dieser Ähren. Die Zuchtmaßnahmen beschränkten sich jahrtausendelang darauf, Pflanzen mit günstigen Eigenschaften als Saatgutlieferanten für die nächste Aussaat zu wählen. Bei dieser Massenauslese erfolgte die Bestäubung der Pflanzen noch unkontrolliert auf dem Feld. Dadurch gelang es nur sehr langsam, die Eigenschaften der angebauten Pflanzen positiv zu beeinflussen. Noch als Gregor Mendel im Jahr 1865 die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung im Tier- und Pflanzenreich beschrieb, wurde allgemein angenommen, dass Pflanzen im Wesentlichen unveränderlich sind und die Zahl der Arten seit jeher gleich ist. Nichtsdestotrotz wurde etwa zur selben Zeit damit begonnen, die Saatgutauslese gezielter vorzunehmen. Statt eine Massenauslese zu betreiben, wurden ausgewählte einzelne Pflanzen mit wünschenswerten Eigenschaften gezielt vermehrt. Da diese Pflanzen genetisches Material von beiden Elternpflanzen in sich trugen, konnte es in den Nachfolgegenerationen dazu kommen, dass sie ihre positiven Eigenschaften wieder einbüßten (Mendelsche Regeln). Um dies zu verhindern, wurden die Pflanzen über mehrere Generationen weiter vermehrt und dabei in jeder Generation die unerwünschten Erscheinungsformen ausselektiert. So erhält man am Ende eine Pflanze, in der die gewünschten Eigenschaften reinerbig, sprich dauerhaft, verankert sind. Aus dem Samen dieser Zuchtsorten erwächst eine Pflanze, bei der die positiven Eigenschaften der Vorgängergeneration erhalten bleiben. Man sagt, die Sorte ist samenfest.

Die Landwirtschaft wird modern

Lanz Mähdrescher aus den 1960ern            Foto: Tobias Tratz

Durch dieses Verfahren wurde aus den vorhandenen Landsorten eine Vielzahl von Zuchtsorten mit verschiedensten Eigenschaften kreiert. Die verbesserten Sorten trugen, neben der Einführung des Kunstdüngers und verbesserter Bodenbearbeitung, dazu bei, die Erträge in der Landwirtschaft erheblich zu steigern.

 

 

Mit der Zeit begannen sich die Auslesemöglichkeiten aus Landsorten zu erschöpfen und es wurde damit begonnen, einzelne Zuchtsorten zu vereinen. Bei dieser sogenannten Kombinationszucht werden die Mutterpflanzen gezielt mit den Samen der ausgewählten Vaterpflanzen bestäubt. Eine Selbstbefruchtung der Mutterpflanzen sowie eine Bestäubung durch unerwünschte Pflanzen wurde durch technische Maßnahmen (Kastration, Isolation, etc) sichergestellt.

Sortenschutz und Okönomisierung

Die immer komplexeren und enorm zeitaufwendigen Zuchtverfahren hatten eine starke Professionalisierung und Spezialisierung der Zuchtbetriebe zur Folge. Durch die Anerkennung von Saatgut als geistigem Eigentum des Züchters (Sortenschutz) wurde zudem ein wirtschaftlicher Anreiz für diese Entwicklung geschaffen. Selbst wenn man das Saatgut dieser Sorten aus seiner eigenen Ernte gewinnt, fallen für den Landwirt Nachbaugebühren an. Das ist gewiss auch ein Grund dafür, warum heute kaum noch ein Landwirt sein Saatgut selber produziert. Es gibt aber auch noch einen weiteren, wie Enzner zu berichten weiß: „Es ist schlicht zu aufwändig, das Saatgut aufzubereiten und zu lagern, selbst für kleine Betriebe, die von der Nachbaugebühr befreit sind, lohnt sich das nicht.“

Diese Abhängigkeit vom Saatgutherstellern wird bei der Inzucht-Heterosis Zucht noch verstärkt. Dabei werden Zuchtpflanzen mehrmals mit sich selbst bestäubt. Diese Inzucht lässt zwar Wachstum und Ertrag der Pflanzen sinken, ermöglicht es aber verdecke Erbmängel der Sorten  aufzudecken. Diese Mängel können dann ausselektiert werden. Beim gezielten Kreuzen dieser genetisch bereinigten Pflanzen kommt es zudem durch den Heterosiseffekt zu einer signifikanten Steigerung von Ertrag und Widerstandsfähigkeit, die aber nur in der ersten Folgegeneration (F1) anhält. Um in der Konkurrenz bestehen zu können, sind die Bauern gezwungen, jedes Jahr neues Hybridsaatgut bei den Herstellern zu beziehen. Nur so sind gleichbleibend hohe Erträge garantiert. Da wundert es kaum, dass es sich beim Großteil der heute verwendeten Samen um solche Hybridsamen handelt.

 

Pflanzen als High-Tech Produkt

Um neue Eigenschaften in den Zuchtformen zu ermöglichen, begann man Mitte des 20 Jahrhunderts die Pflanzen gezielt Stressreizen auszusetzen. Dabei wird das Erbgut durch Wärme, UV-Licht oder Röntgenstrahlung zum Mutieren gebracht. Die Art der Veränderung unterliegt dabei dem Zufall. Um wünschenswerte Mutationen zu erhalten, muss dieses Verfahren bei einer Vielzahl von Pflanzen angewendet werden.  Im Zuge der grünen Gentechnik wurde nach neuen Wegen gesucht, um gezielt Veränderungen am Erbgut vornehmen zu können. Diese Genmanipulation kann mittlerweile auf verschiedene Arten erfolgreich durchgeführt werden. Am geläufigsten ist das Einbringen des gewünschten Erbmaterials mithilfe des Bakteriums Agrobacterium Tumefaciens. Diese Art verfügt über einen Mechanismus, der es ihr ermöglicht, in eine Pflanzenzelle einzudringen und Genmaterial zu deponieren. Dadurch kann das Bakterium als Gen-Taxi dienen und Fremdgene in die Pflanzenzelle bringen. Weitere Methoden sind das Einschießen winziger, mit Erbgut besetzter Metallpartikel (Wolfram oder Gold) und das direkte Einbringen mithilfe sehr feiner Glaskanülen. Dabei muss es sich bei dem eingebrachten Erbgut keinesfalls um DNA der gleichen Art handeln. Mithilfe dieser Verfahren können beispielsweise Sorten produziert werden, die gegen bestimmte Herbizide resistent sind oder selbst Pestizide produzieren.

Vor allem in Europa werden diese genetisch veränderten Pflanzen von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt, da die langfristigen Auswirkungen auf das Ökosystem und die Gesundheit der Verbraucher nicht ausreichend erforscht sind. Auch der Anbau ist innerhalb der EU stark reguliert. Nichtsdestotrotz sind gentechnisch veränderte Pflanzen vor allem auf dem amerikanischen Kontinent stark verbreitet. Dadurch wird die Abhängigkeit von Saatgutriesen wie Monsanto vermutlich noch weiter steigen.

 

Königskerze im Bauerngarten            Foto: Tobias Tratz

Königskerze im Stadtgarten                Foto: Tobias Tratz

Das ist eine Entwicklung, mit der immer mehr Landwirte und Hobbygärtner nicht einverstanden sind. Eine Vielzahl von Initiativen (z.B. die Open Source Seed Initiative) hat es sich zum Ziel gesetzt, den Zugang zu hochwertigem, günstigem Saatgut für möglichst viele Menschen zu ermöglichen. Dafür eignen sich vor allem altbewährte, samenfeste Züchtungen, die selbst vermehrt werden können.  So manchem unbekannten Pflänzchen aus den Bauerngärten des Freilandmuseums könnte das zu einem Comeback verhelfen. Mittlerweile gibt es in vielen deutschen Städten Saatgutbörsen, bei denen sich Hobbygärtner treffen und das selbst erzeugte Saatgut bedrohter Kulturpflanzen untereinander tauschen und verkaufen. Auch im Fränkischen Freilandmuseum gibt es jedes Jahr im Mai die Möglichkeit, Saatgut und Jungpflanzen historischer Sorten auf dem Heil- und Gewürzkräutermarkt zu erwerben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.