Von Scrum-Mastern und Agilem Allerlei

Da stehe ich nun mit meinem kleinen Päckchen Legosteinen. Scrum-Master Daniel gibt das Startzeichen. Mir bleiben sieben Minuten, um den Begriff „Insight Innovation“ so gut es geht mit den paar bunten Bauklötzchen und einer kleinen Figur greifbar darzustellen.

Etwas perplex und erstmal überfordert schiele ich rüber zu meiner Linken. Kathrin, Redakteurin, 28, hat das Wort „Telefonakquise“ und fängt fleißig an, eine kleine Telefonzelle zu bauen. Auf der gegenüberliegenden Tischseite sehe ich Markus, Unternehmer, 40, wie er allmählich zwei Türme errichtet. „Konkurrenz“ scheint sein Stichwort zu sein.
Unsere neunköpfige Gruppe ist bunt gemischt. Die Altersspanne reicht von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig, vom Produktmanager über den Programmierer bis hin zur Designerin. Dass ich Student bin und von Agility, Scrum und Projektmanagement keinen Schimmer habe, ist egal. Im Moment zählt nur, dass wir zusammen als Team fokussiert an der Problemstellung arbeiten.

Der Z-Bau ist ein lässiger Treffpunkt. Foto: Tim Neiertz

 

Zugegeben: Die etwas vage Eventbeschreibung „Einblicke in die agile Trickkiste“ und „interaktive Sessions“ haben meine Neugierde geweckt, doch wirklich etwas darunter vorstellen konnte ich mir nicht. Als ich mich für das „Agile Allerlei“ im Nürnberger Kultur- und Veranstaltungshaus Z-Bau angemeldet habe, hatte ich keine Ahnung, dass hier den rund 50 Teilnehmern in vier verschiedenen Workshops kreative Methoden zur Prozessoptimierung und Teamfindung in Unternehmen näher gebracht werden sollen.

 

 

Organisiertes Gedränge

 

Das Agile Allerlei lockt Vertreter verschiedenster Berufssparten. Foto: Tim Neiertz

Nach einer knappen Einführung durch die Organisatoren und Scrum-Master Daniel, Nadja, Joshua und Andreas des IT- und Consultingunternehmens Silbury werden wir in vier Teams aufgeteilt und sofort auf die Stationen losgelassen. „Einfach mal machen“ lautet die Devise des Abends. Ich bin im Team Schwarz. Schnell wird klar: Viele sind schon mit den Themen und Methoden vertraut und wollen konkrete Anregungen für ihr Unternehmen sammeln. Als Laie kann ich mit Fachbegriffen wie „Scrum“ oder „Agile“ jedoch herzlich wenig anfangen. Da kommt es mir ganz gelegen, dass meine Gruppe sich bei der ersten Station mit dem „Agilen Manifest“ auseinandersetzen soll. „Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell“, lautet eines der zwölf Prinzipien. Doch was wirklich hinter „agile“ steckt, sollen wir heute am eigenen Leib erfahren.

 

Kurzgefasst geht es bei Scrum, zu Deutsch Gedränge, darum, in möglichst kurzen, immer gleich langen Arbeitsintervallen, sogenannten Sprints, in selbstorganisierten Teams eine Problemstellung zu bearbeiten. Anschließend werden die Ergebnisse in der Gruppe präsentiert, reflektiert und entschieden, was man beim nächsten Sprint verbessern könnte. Am deutlichsten wird diese Methode bei dem „Ballpointgame“. Wir sollen so schnell wie möglich Bälle aus einer Kiste in die andere befördern. Dabei muss jeder die Bälle einmal berühren. Verboten ist jedoch, dem Nächsten den Ball nahtlos zu übergeben. Es gibt fünf Sprints à eine Minute, dazwischen bleiben jeweils drei Minuten zur Besprechung.

Bei „Agile Clock“ soll die Gruppe die wichtigsten Aspekte auswählen. Foto: Tim Neiertz

Der Zeitdruck hängt uns dabei ständig im Nacken. Wir müssen flott als Team entscheiden. Schnell wird uns klar: Zügig Dinge ausprobieren oder wieder verwerfen, mögen sie noch so verrückt klingen, ist der Weg zum Erfolg. „Probieren wir doch eine Rutsche!“, „Nein, dann fallen uns zu viele Bälle runter!“, „Wenn wir die Kiste auf das Podest stellen, können wir näher zusammenrücken!“ Von Sprint zu Sprint fügt jeder eine Idee oder einen Verbesserungsvorschlag hinzu und so mausern wir uns von einer „Zuwerf-Strategie“ zu einem „Aufrechten-Tunnel-System“.

 

(K)ein Kinderspiel

 
„Lego als innovative Methode zur Problemlösung“, so führt Organisator Daniel Richter die nächste Station ein, bevor er uns zu den Tütchen mit den aus Kindertagen so vertrauten bunten Bausteinen bittet. Was erst wie ein Gag klingt, ist in vielen großen Unternehmen bereits etablierte Kreativmethode. Das Ganze nennt sich „LEGO Serious Play“ und kann in Form von speziell zusammengestellten Baukästen offiziell bei Lego erworben werden. Ziel ist es nicht, das schönste Modell zu bauen, sondern möglichst anschaulich ein gemeinsames Verständnis herzustellen. Gestützt wird diese These von der Hirnforschung: Indem man gezwungen ist, mit den Händen zu arbeiten, werden ganz andere Hirnareale aktiviert, als es bei einer abstrakten Diskussion der Fall wäre.

Bei LEGO Serious Play geht es darum, abstrakte Konzepte greifbar zu machen. Foto: Tim Neiertz

Als ich am Ende des Abends die ganzen Eindrücke Revue passieren lasse, denke ich mir, dass die Kategorisierung auf der Website der Nürnberg Web Week vielleicht etwas ungünstig gewählt wurde. Dort hieß es: „Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren“. Gespielt wurde beim „Agilen Allerlei“ im Z-Bau schon, nur nicht von Kindern, sondern von Managern, Entwicklern und Programmierern.

 

 

 

Kathrin Krause (28) arbeitet bei DATEV in der Redaktion. Sie schildert ihre Eindrücke nach den vier Stationen.

 

Was hat Sie bewogen, bei der Veranstaltung „Agiles Allerlei“ teilzunehmen?

Ich bin auf die Idee gekommen, hier vorbeizuschauen, weil ich mich allgemein für Agilität interessiere und wir das in unserer Firma auch gerade einführen. Ich habe bei uns im Team die Aufgabe bekommen, mich ein bisschen einzuarbeiten. Ich bin nicht in der Entwicklungsabteilung, sondern in der Kommunikation tätig. Mich interessiert: Wie machen das andere, wie gehen die da ran und welche Methoden gibt es?

Über welches Vorwissen verfügten Sie schon vor dem Event? Was war neu?

Ich habe relativ engen Kontakt mit unserer Entwicklungsabteilung. Da habe ich mir das Ganze diverse Male angeschaut. Außerdem habe ich schon an einer Schulung in dem Bereich teilgenommen. Ich kannte daher schon Vieles, aber einige Sachen, wie zum Beispiel das mit dem Lego Serious Play, waren komplett neu für mich. Ich finde, es ist eine coole Methode, zu visualisieren, wie Dinge sind, wie Dinge ablaufen und vor allem, dass es wichtig ist, dass man sich miteinander unterhält und miteinander ins Gespräch kommt. Auch die Aufgabe mit den Bällen war mir neu. Meiner Meinung nach eine gute Symbolisierung für den Flow, den man beim agilen Arbeiten erreichen und auch erhalten will. Insgesamt wurden meine Erwartungen erfüllt. Es war zwar viel dabei, das ich schon kannte, aber wie gesagt, auch zwei neue Sachen.

Inwiefern halten Sie diese Methoden in der Praxis für umsetzbar?

Ich glaube schon, dass man es umsetzen kann. Das heutige Event hat mir noch einmal gezeigt, dass es bei Agility nicht um Methode geht, sondern um Mindset. Es geht darum, anders zu denken, anders miteinander umzugehen, anders an Dinge ranzugehen und vor allem viel zu kommunizieren. Und um sowas in einem Unternehmen einzuführen, braucht man einfach wahnsinnig viel Zeit.

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