Die Solarzellen, die sich auf dem Bauwagen befinden

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

Schwerfällig steigen die dicken Rauchschwaden des Kernkraftwerks Ohu in die Atmosphäre auf. Der 165 Meter hohe Kühlturm mit seiner massiven Betonwand trübt das ansonsten malerische Naturbild entlang der Isar.

Keinen Katzensprung entfernt liegt ein Ort, der ganz anders ist, als der naheliegende Atomkomplex ‒ erreichbar entweder über einen steilen Pfad, der sich zwischen hohen Nadelbäumen hindurchschlängelt, oder über einen von Schlaglöchern geprägten Feldweg ‒ befindet sich der Waldkindergarten Niederaichbach. Lediglich ein alter Bauwagen hebt sich von der bewaldeten Umgebung ab. Auch für Kindergärten typisches Inventar wie Schaukeln, Rutschen oder einen Sandkasten gibt es hier nicht. Ein spielzeugfreier Alltag ist Teil der Konzeption – genauso wie der Schwerpunkt Energiewende, der als roter Faden fest im Leitbild des Kindergartens verankert ist.

Heute jedoch haben die Erzieher eine Ausnahme gemacht. So kurz vor den Ferien sind nur drei Kinder da. Deshalb liegt eine Kiste mit Spielsachen auf einem Tisch außerhalb des Bauwagens bereit. Der dreijährige Mark sitzt mit zwei Mädchen auf dem Boden und hält zwei Plastikpferde in der Hand. „Ich weiß, was eine Klimaanlage ist”, erwidert er auf die Frage, ob er denn mit dem Begriff Klimawandel schon etwas anfangen kann. Obwohl das natürlich nicht die erwartete Antwort ist, hat Mark schon gelernt, was Energie ist und wo sie herkommt.

Die Kinder gehen nach Hause
Mark und die anderen Kinder sind bereit für den Heimweg Foto: Oliver Meissner-Wollnitz

Kinder sollen so früh wie möglich ein ökologisches Bewusstsein entwickeln

Für Gilda Oswald, Leiterin der Waldkindertagesstätte, sind Nachhaltigkeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit unserem Planeten schon lange wesentlicher Inhalt bei der Erziehung von Kindern. Deshalb arbeitet sie seit November 2014 genau wie vier weitere Kindergärten in Bayern, eng mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf im Projekt Kindertagesstätten und Energiewende (kurz KIEN) zusammen. In dem Modellprojekt wird Energie als Bildungsthema und Erfahrungsfeld im Alltag aufgegriffen, um Kinder frühzeitig für die Bedeutung des Klimawandels zu sensibilisieren. „Die Bildungseinrichtungen sind gefordert, sich an der Energiewende aktiv zu beteiligen. Das heißt, dass für Kinder die komplexen Zusammenhänge verständlich aufbereitet werden und ihnen deutlich gemacht wird, wie bedeutsam dieses Thema ist”, erklärt der für die Projektbearbeitung Verantwortliche Florian Botzler. Tatsächlich ist es so, dass das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales das Themenfeld Umwelt verstärkt in den Bildungs- und Erziehungsplan integriert hat. Das Ziel dahinter ist klar: Kindern soll schon früh ein ökologisches Verantwortungsgefühl mitgegeben werden, um die Mammutaufgabe Energiewende zukünftig erfolgreich zu meistern.

Auch KIEN nimmt sich dieser Herausforderung an und setzt vor allem auf experimentelle und praktische Methoden zum Vermitteln der Inhalte. Im Waldkindergarten Niederaichbach haben Studenten dabei geholfen, einen kleinen Energiegarten anzulegen. Mit der geernteten Pflanze Durchwachsene Silphie und Mais haben die Kinder gemeinsam mit Florian Botzler eine Miniatur-Biogasanlage betrieben. Kurz darauf hat der Kindergarten eine nahegelegene Biogasanlage in größerem Maßstab besucht. Aus Sonnenblumenkernen, die die Kinder ebenfalls in ihrem Energiegarten geerntet haben, pressten sie Öl, mit dem Fackeln und ein kleiner Ofen entfacht werden konnten. „So sehen die Kinder, dass man aus vielen Sachen Energie erzeugen kann, ganz ohne Strom”, sagt Gilda Oswald. Weitere Projekte in anderen Kindergärten sind unter anderem ein „Tag ohne Energie” oder der Besuch eines Nahwärmenetzes, bei dem die Funktionsweise der Hackschnitzelheizung und die einer Holzvergaseranlage kindgerecht aufbereitet und vom Projektteam der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ergänzend erläutert wird.

Neben den Kindern profitiert auch die Kommune vom Projekt KIEN. Die enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Bürgermeistern eröffnet der Gemeinde Chancen, aktiv an der Energiewende teilzunehmen. Kitas sind immer auch ein Ort des Informationsaustausches; so können Inhalte über die Grenzen der Institution hinaus kommuniziert werden. „Beispielsweise regen die Kinder ihre Eltern dazu an, den Standby-Betrieb von Geräten auszuschalten“, erzählt die Leiterin.

Leiterin Gilda Oswald und der Bauwagen Foto: Oliver Meissner-Wollnitz

Waldkindergärten stärken die Beziehung zwischen Kind und Natur

Der Waldkindergarten Niederaichbach war aber schon vor KIEN ein Vorbild, was Nachhaltigkeitsthemen in der Erziehung betrifft. Der autarke Lebensstil abgelegen im Wald macht es einfach, die ökologischen Inhalte zu transferieren und sorgt für Authentizität. Den einzigen Strom im Kindergarten liefert eine kleine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Bauwagens. Das Licht wird jedoch nur eingeschaltet, wenn es wirklich stockdunkel ist. Die meiste Zeit verbringen Kinder und Erzieher sowieso im Freien, egal bei welcher Wetterlage. „Unterhalb der Baumkronen sind wir zum Glück vor fast allen Witterungsverhältnissen geschützt“, sagt Oswald.

So führt das tägliche Zusammenleben im Einklang mit der Natur automatisch zu einem stärkeren Umweltbewusstsein, als es vergleichsweise in städtischen Kindergärten der Fall ist. Dennoch ist es so, dass Kinder nun mal noch Kinder sind und erst über alltägliche Sachverhalte, die unser Leben bestimmen, aufgeklärt werden müssen. Gerade komplexe Themen wie der Klimawandel und die Energiewende gilt es dem Alter entsprechend zu verpacken. Während des Sommerfestes hat die Gruppe ein Musical aufgeführt, in dem ein Eisberg langsam zu schmelzen beginnt und so der Lebensraum für Pinguine und Eisbären nach und nach verloren geht. Ein simples, aber dramatisches Beispiel, an dem die Kinder die Folgen der Klimaveränderungen gut nachvollziehen können. „Es ist wichtig, die Inhalte nicht als eine Art Panikmache vermitteln zu wollen. Wir versuchen mit spielerischen Ansätzen, die aber durchaus die Ernsthaftigkeit des Klimawandels zum Ausdruck bringen, das Denken der Kinder grundsätzlich zu prägen”, unterstreicht die Erzieherin.

Der Energiegarten mit seinen Pflanzen Foto: Oliver Meissner-Wollnitz

Eine Garantie dafür, dass die erlernten Ansichten später einmal umgesetzt werden gibt es nicht. Dr. Stefan Brockmann, Leiter des Studiengangs Soziale Arbeit an der Technischen Hochschule Nürnberg sagt: „Es ist sicherlich nicht so, dass Kinder im Kindergartenalter einmal erworbene Kompetenzen immer beibehalten. Dafür sind Sozialisationsverläufe zu komplex und widersprüchlich. Aber ein früh erworbenes Bewusstsein von Kindern für die Natur und Umweltverschmutzung kann helfen, dass Kinder dieses Bewusstsein in ihrem Leben weiterentwickeln und mit neuen beziehungsweise anderen Fragen an ihre Umwelt herantreten können.”

 

 

 

Neben dem Modellprojekt der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gibt es schon seit längerer Zeit ähnliche Initiativen, die sich auch eine frühe Aufklärung der Kinder bezüglich der Energiewende zum Ziel setzen. „Leuchtpol – Energie und Umwelt neu erleben” schaffte es bis 2012, über 4000 Erzieherinnen zum Thema Nachhaltigkeit fortzubilden und somit in die Bildungskonzepte zahlreicher Kindergärten zu verankern. Des Weiteren sind da noch die „Ökokids”, die ebenfalls Fortbildungen anbieten, aber auch jährlich Wettbewerbe organisieren, in denen Kitas Bildungsprojekte vorstellen können und dafür, in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, eine Auszeichnung erhalten. Auch kleinere Aktionen wie der „Kinderumweltbus”, der von Einrichtung zu Einrichtung fährt und Kindern sowie Erziehern den Einstieg in die Thematik erleichtert, zeigen, dass es langsam aber sicher in eine grünere Richtung geht.

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