Was Mumien verraten

An was haben Sie denn gedacht, als Sie noch Kind waren? Also so richtig Kind, bevor das andere Geschlecht interessant wurde. Frank Rühli, Professor der Humanmedizin, hatte da schon klare Fragen: Wer das Christkind ist und wie man Mumien herstellt….

An was haben Sie denn gedacht, als Sie noch Kind waren? Also so richtig Kind, bevor das andere Geschlecht interessant wurde. Frank Rühli, Professor der Humanmedizin, hatte da schon klare Fragen: Wer das Christkind ist und wie man Mumien herstellt. „Ja, ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich als Kind darauf gekommen bin. Es hat mich eben schon sehr früh interessiert. Vermutlich habe ich mal irgendein Buch gelesen.“

Was würden Sie heute denken, wenn Sie einen Vortrag von jemandem hören, der sich seit zehn Jahren täglich Mumien ansieht? „Es ist ganz unterschiedlich. Es gibt Leute, die finden das super, andere verstehen das nicht ganz. Wieder andere können sich nichts darunter vorstellen. Die breite Öffentlichkeit hat da eine völlig falsche Vorstellung und meint, man ist die ganze Zeit nur in irgendwelchen Grabkammern“, sagt Frank Rühli.

Frank Rühli Vortrag

Mumienforscher aus Leidenschaft: Frank Rühli.  Foto: Stefan Fries

Der Forscher hat anlässlich der Ausstellung Körperwelten einen Vortrag über die Chancen und Grenzen der Untersuchung menschlicher Körper gehalten, worin auch ethische Aspekte ihren Platz fanden. Bereits zu Anfang klärte er das Publikum darüber auf, dass es fast keine Region auf der Welt gibt, in der keine Mumien zu finden wären.

Gleich zu Beginn eines Projektes tauchen viele Fragen auf. Aus wissenschaftlicher Sicht liegt jedes Mal ein Individuum auf dem Tisch und das macht es immer schwierig. Aber nicht nur die Leiche selbst, sondern vor allem die Hinweise auf Krankheiten und kulturelle Besonderheiten sind heute von Bedeutung. Dass sich  „normale“ Ärzte mit Mumien und deren Gebrechen beschäftigen, ist erst in den letzten 20 Jahren wirklich populär geworden. Ob einem dann der Titel „Evolutionsmediziner“ oder „Mumienforscher“ auf dem Visitenkärtchen lieber ist, sei jedem selbst überlassen.

innenleben

Was sich hierdrin wohl verbergen mag? Das Geheimnis wollen Mumienforscher lüften.  Foto: Stefan Fries

Als Evolutionsmedizin wird dieses Forschungsfeld deshalb bezeichnet, weil es uns mittlerweile nicht nur reizt zu wissen, woran der Pharao gestorben ist, sondern weil wir uns Schlüsse über die Evolution der Krankheitserreger erhoffen. Das wiederum hilft heute zumindest indirekt bei der Behandlung. Frank Rühli erläutert: „Es geht einfach darum zu sehen: Verändern sich diese Erreger? Was sind die ältesten Beispiele? Einfach geht es oft auch nur um die Frage: Wie lange gibt’s die schon? Wie sind sie entstanden? Welcher stammt von welchem ab? Damit erhalten wir Hinweise über die Evolution, wie zum Beispiel über die Resistenz-Gene für Antibiotika. Solche Dinge wollen wir natürlich herausfinden.“ Entweder stellt sich der Mensch auf einen Erreger ein oder umgekehrt. „Es kann beides geben. Der Erreger hat ja nicht unbedingt immer ein Interesse zu töten. Er hat auch ein Interesse, dass er zusammen mit dem Wirt, also uns, eine Koexistenz hat und dadurch mehr Leute infizieren kann. Es kann auch durchaus sein, dass sich Erreger mit der Zeit abschwächen und sich sozusagen anpassen“, fährt der Wissenschaftler mit seiner Erklärung fort.

Obwohl man „zu 95 Prozent nur vor dem Laptop sitzt“, entzieht man sich nicht der persönlichen Beziehung mit der Mumie. Für die meisten Menschen wäre es sicherlich hochgradig gruselig, diese verzogenen Gesichter zu studieren. Rühli relativiert aber, da er das „bewusst nicht auf die gruselige Art“ angeht. „Es geht eben nicht darum, daraus jetzt eine Freakshow, sondern etwas Seriös-Wissenschaftliches zu machen.“ Für das gelernte Fachpersonal aber ist so eine Untersuchung wohl spannender als eine Partie Roulette. „Dass es eben spezielle Momente geben kann, wenn Sie so arbeiten, das ist klar, aber das macht vielleicht gerade das Spannende an diesem Beruf aus.“

Wissen entsteht durch Sehen und Fühlen und der erste Schritt ist meist das Röntgengerät. „Das transportable Röntgengerät finde ich supercool, weil man da einfach ins Feld rausgehen und supergute Röntgenbilder machen kann, zum Beispiel in einer Grabkammer.  Sie haben eine Röntgenplatte, die kabellos mit dem Aufnahmegerät verbunden ist.“ Bereits an diesem sehr frühen Punkt kann der Forscher wichtige Schlüsse ziehen. Mittels dieser Technik erspart er sich sogar das Auswickeln. Insofern wird bereits hier die Würde des Verstorbenen gewahrt. Die Mediziner können aber auch die Knochenstrukturen analysieren, um den Abtransport vorzubereiten. Besonders für die Kunsthistoriker ist aber eher interessant, dabei Amulette zu entdecken, die sonst vielleicht nicht entdeckt worden wären. Bei den Ägyptern lässt sich die Konservierung kurz auf folgende Schritte verkürzen: Eingeweide und Gehirn entfernen (werden separat behandelt), Waschen und in Natron einlegen; nach einigen Zwischenschritten ist die Einsalbung der vorletzte Arbeitsgang. Zuletzt wird der Leichnam in einem Ritual eingewickelt; die Taschen, die beim Wickeln entstehen, werden mit Talismännern und schützenden Amuletten befüllt. Der Skarabäus, bei uns Mistkäfer, ist im alten Ägypten ein heiliges Tier und wurde deshalb auch in den Körper gelegt, zum Beispiel in Mund und Brustkorb, heute also nicht mehr zerstörungfsrei erreichbar. Die Auflösung der Geräte ist mittlerweile gut genug, dass die feinen Inschriften auf den Schmuckstücken lesbar sind, wie Formeln oder auch den Namen.

Blutgefäße: faszinierende Transitwege.  Foto: Stefan Fries

Im Labor wird die Mumie noch durch einen Computertomographen (CT) gefahren. Somit entsteht zusätzlich eine dreidimensionale Aufnahme. Neueste Software kann danach die Mumie, wie bei einem Baumkuchen, Schicht für Schicht zeigen. Der Forscher kann sich neben Amuletten auch nur die Knochen oder Gefäße anzeigen lassen. Damals wie heute litten die Menschenbeispielsweise schon unter Arteriosklerose (umgs. Aderverkalkung) oder Arthrose (Gelenkverschleiß, meist am Knie). Evolutionär kann also Arthrose nicht als ein Problem unserer adipösen Gesellschaft gesehen werden.

Gerne werden aber auch die Zähne kritisch beäugt. Karies ist eine der häufigsten Prognosen. Ebenso die Abrasion. Das Mehl im Brot war damals durch Sand verunreinigt und man schliff seine Zähne buchstäblich ab, was beides zu Infekten der Zahnwurzel führte, bis hin zum Ausfallen.

Mumien sind bekanntermaßen sehr alt und der Zahn der Zeit verunstaltet das Gesicht zusätzlich. Durch die heute sehr gute Kenntnis der Anatomie kann zumindest ungefähr  das Gesicht zu Lebzeiten rekonstruiert werden. Muskeln setzen am Knochen immer an derselben Stelle an und so rekonstruieren Anatomiker das Gesicht Schicht für Schicht virtuell neu. Nicht minder aufwändig ist die Alternative, den Schädel mit einem 3D-Drucker auszudrucken und dann in der Werkstatt mit speziellem Ton und Modellierwachs das Gesicht nachzuformen. Dann bleibt der Pharao nicht nur als trockenes Runzelchen, sondern mit stolzem Antlitz nach der Ausstellung in Erinnerung.

Neben Knochen ist aber natürlich auch das Gewebe wichtig. Da das CT keine Farben anzeigt, sieht man Haut im Querschnitt nur als Überlagerung leicht nuancierter Grauschattierungen und es stellt sich die Frage: Was ist das da? Ist das Haut, Muskel oder Gehirn? Ist alles am richtigen Platz und falls nicht, seit wann? Zu Lebzeiten war es vielleicht Folge einer Krankheit oder eines schweren Infekts, der eventuell sogar zum Tod geführt hat. Die Beschädigung der Mumie könnte aber auch beim Mumifizieren passiert sein: Haben die Balsamierer unsauber gearbeitet, zum Beispiel wegen Zeitdrucks? Oder haben Räuber das Grab geöffnet, fehlen Inventar und Schmuck? Aber auch einfach die Zeit leistet ihren Beitrag, weil sich Gewebe verschieben oder weggerissen werden kann. Deshalb wird die Mumie mehrmals untersucht und zwar mit unterschiedlichen Intensitäten beziehungsweise Stärken im CT, „Dual CT“ genannt, denn dies hilft, die Ergebnisse genauer zu interpretieren.

Sitz des Gehirns, aber auch Fundgrube für DNA-Sequelzel. Foto: Stefan Fries

Der zweite elementare Analysebaustein ist die Untersuchung der DNA. Die Extraktion von DNA gehört zu den sogenannten invasiven Methoden, das heißt: Die Mumie muss beschädigt werden. Die Wissenschaftler versuchen, möglichst kleine Proben zu nehmen, da diese unersetzlich sind. Die Entnahme erfolgt wegen der Gefahr der Kontamination der eigenen Erbinformation im Schutzanzug. Am ehesten sind die Erbbausteine in den Knochen oder auf den Zähnen zu finden, doch ebenso in Stuhlproben, Haaren oder Weichteilen – theoretisch. Praktisch liegen die Chancen selten besser als 50:50. Zähne sind besonders beliebt, weil sie oft Zahnstein („Versteinerung“ von Plaque durch den Zahnschmelz des Speichels) haben. Nicht besonders appetitlich, aber was tut man nicht alles für gute Ergebnisse? Die Bestandsanalyse dient zum Rückschluss auf Ernährung, ebenso wie auf Erreger im Speichel und damit wiederum auf den Zustand des Immunsystems. Eine Proteinanalyse dieser Erreger zeigt deren Veränderung mit der Zeit. Heutzutage wäre das eine Anpassung, um Antibiotika zu widerstehen. Modernste Technik rekonstruiert die durch die Zeit zerbröselten Stückchen, um festzustellen, ob es Veränderungen gegeben hat. Einfaches Beispiel ist die Lactoseintoleranz. Auch diese hielt man lange für eine relativ moderne Schwäche. Es ist mittlerweile ein verschmerzbares Ärgernis, dass dem Verdauungssaft Enzyme zur Aufspaltung des Milchzuckers fehlen. Normalerweise verschwindet nach dem Kindesalter diese Fähigkeit, doch war schon damals nur rund 70 Prozent der Erwachsenen der Milchgenuss beschwerdefrei möglich. In den letzten 1000 Jahren hat sich daran kaum etwas geändert; also ist die Lactoseverdauung wesentlich älter als vermutet.

Weiter lassen sich im Zahnstein Erkentnisse über Erreger und Ernährung finden. Erreger einerseits als Versteinerung, andererseits als Rückschluss aus der Zusammensetzung von getrocknetem Speichel. Nach der Proteinanalyse der DNA, auch über das Mikroskop, lassen sich über die „Metagenomik“ Bakterien entdecken. Parodontose ist dabei noch heute eine Plage.

Und jetzt, wo Sie wissen, wie man Mumien untersucht: Gefiele Ihnen der Titel Evolutionsmediziner? Frank Rühli hat in Zürich vielleicht ja noch einen Platz an der Sonne, neben den Mumien frei…

 

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