Wenn aus Nachbarn Helden werden

Der Adrenalinpegel im Blut steigt, die Anspannung ist beinahe greifbar. Mit hoher Geschwindigkeit nähert sich das Löschfahrzeug der Feuerwehr Membach der Einsatzstelle. „Aktuell wissen wir von starker Rauchentwicklung und einer vermissten Person“, versucht Einsatzleiter Burkhardt Niepelt das ohrenbetäubende Martinshorn zu…

Der Adrenalinpegel im Blut steigt, die Anspannung ist beinahe greifbar. Mit hoher Geschwindigkeit nähert sich das Löschfahrzeug der Feuerwehr Membach der Einsatzstelle. „Aktuell wissen wir von starker Rauchentwicklung und einer vermissten Person“, versucht Einsatzleiter Burkhardt Niepelt das ohrenbetäubende Martinshorn zu übertönen, „also rüstet euch mit Atemschutzgeräten aus.“ Die Bäume am Straßenrand fliegen vorbei, eingefärbt vom aufblinkenden Blaulicht. Auch, wenn der Fahrzeuginnenraum gerade einmal ausreichend Platz für die sieben Insassen bietet, legen sich zwei davon die 18 Kilogramm schweren Pressluftflaschen an. Bei voller Geschwindigkeit keine leichte Aufgabe, doch einer hilft dem anderen. Später werden sie den Angriffstrupp bilden und an vorderster Front gegen den Brandherd vorgehen.

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Neun Feuerwehrmänner ergeben eine Gruppe: Angriffstrupp, Wassertrupp, Schlauchtrupp (je 2), Maschinist, Melder und Einsatzleiter Quelle: Pixabay.com

Bis zu 30 Kilogramm Ausrüstung kommt im Einsatzfall auf einen Feuerwehrmann mit Atemschutz zu. Bei einer Körpermasse von 75 Kilogramm wären dies 40 Prozent des Eigengewichts. Aufgrund der hohen Belastung reichen die 300 Bar Sauerstoff in den Aluminiumflaschen für maximal 45 Minuten – Taucher hingegen können mit 200 Bar mindestens zwei Stunden unter Wasser bleiben. Deshalb kann auch nicht jeder Feuerwehrmann ein Atemschutzgeräteträger werden: Regelmäßige Übungen und Fitnesstests sorgen dafür, dass der Feuerwehrmann im Einsatzfall nicht sich und seine Kameraden gefährdet.

Zehn Minuten nach Abfahrt erreicht die Feuerwehr die Einsatzstelle. Als erster verlässt Niepelt das noch rollende Feuerwehrauto – bis zum Stillstand des Fahrzeugs kann er nicht warten. Längst hat die gesamte Mannschaft den Blick auf zwei Uhr: In 25 Meter Entfernung treten Rauchschwaden aus den Fenstern eines Einfamilienhauses. Am Straßenrand steht es ganz verwaist da. Schnell hat der Einsatzleiter die Situation erkannt und gibt den Befehl zum Absitzen. In Zweiergruppen stellt sich die Mannschaft vor dem Feuerwehrauto auf und wartet auf Befehle. Niepelt erklärt das weitere Vorgehen, kurz und knapp, aber mit klaren Ansagen. Wahrscheinlich wäre das gar nicht notwendig, denn jeder weiß genau, was zu tun ist: Wie bei einem Uhrwerk greifen die einzelnen Aktionen ineinander. Drei Minuten später steht die Wasserversorgung. Unterdessen rückt der Angriffstrupp vor. Wie Außerirdische sehen sie aus, die zwei Feuerwehrleute in ihren langen Mänteln, den Feuerwehrschlauch im Schlepptau. Unter den Atemschutzmasken bilden sich die ersten Schweißperlen.

Atemschutzgeräteträger werden enormen Belastungen ausgesetzt

Atemschutzgeräteträger werden enormen Belastungen ausgesetzt. Quelle: Pixabay.com

Bei einer Länge von 30 Meter und einem Durchmesser von 52 Millimeter sind die zwei gekuppelten Schläuche mit 64 Liter Wasser gefüllt – eine weitere große Belastung für die Feuerwehrmänner. Neben den eingesetzten C-Schläuchen setzt die Feuerwehr üblicherweise noch B- und A-Schläuche ein. Erstere dienen in der Regel zum Wassertransport zwischen Hydrant, Pumpe und Verteiler. 20 Meter lang und 75 Millimeter im Durchmesser haben diese ein Gesamtvolumen von 88 Liter. Bei Großbränden setzt die Feuerwehr B-Schläuche aber auch zur Brandbekämpfung ein. Wasserabgabe: bis zu 800 Liter pro Minute. Nicht einmal eine halbe Stunde würde es damit dauern, den gewöhnlichen 20-Kubik-Swimmingpool zu füllen. A-Schläuche hingegen verwendet die Feuerwehr nicht zum Löschen, sondern zur Wasseraufnahme aus offenen Gewässern. An die Feuerwehrpumpe angeschlossen, erzeugt diese einen Unterdruck, sodass der im Wasser befindliche A-Schlauch zu saugen beginnt. Aus diesem Grund müssen Saugschläuche, anders als Druckschläuche, auch formstabil sein, ansonsten würden sie sich beim Saugvorgang zusammenziehen. 800 Liter pro Minute liefert die Saugpumpe der Feuerwehr Membach im Lastbetrieb an den Verbraucher. Leistungsstärkere Pumpen schaffen sogar 5.000 Liter pro Minute.

Die Suche nach Menschen beginnt

Mittlerweile haben sich zwei weitere Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten ausgerüstet. Im Notfall läge es an ihnen, die Situation zu entschärfen. Der Angriffstrupp ist bereits bis ins Haus vorgedrungen, aus der geöffneten Tür zieht der Rauch dem Himmel entgegen. „Kein Feuer zu sehen, beginnen mit der Personensuche“, kratzt es aus dem Funkgerät des Einsatzleiters. An ein Atmen ohne Schutzmaske wäre im Inneren nach wie vor nicht zu denken, wie Spinnenweben hängt der Qualm in den Gängen. Einzig der Lichtkegel der Taschenlampe liefert ein erkennbares Bild inmitten von schwarzgrauen Umrissen. Zimmer für Zimmer durchsucht der Angriffstrupp nach der vermissten Person – alles im Uhrzeigersinn, um nicht die Orientierung zu verlieren. Fündig werden die Feuerwehrleute schließlich in einem Raum, der den Anschein einer Abstellkammer macht: Auf dem Boden kauert eine Vierzehnjährige, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen. „Vermisste Person gefunden, beginnen Rettung“, informiert der Trupp den Einsatzleiter. Langsam steht das Mädchen auf, gestützt von den Feuerwehrleuten. Gegen den beißenden Rauch erhält sie eine Fluchtmaske, die an eine der Aluminiumflaschen angeschlossen wird. Jetzt ist Eile geboten: Zwei Verbraucher bedeuten doppelten Sauerstoffverbrauch. Auf dem Weg nach außen dient der mitgeführte Feuerwehrschlauch als Wegweiser.

 

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B-Schläuche (hinten) dienen zum Wassertransport oder Angriff bei Großbränden. Quelle: Pixabay.com

Im Feuerwehralltag sind Brandeinsätze aber nicht das einzige Aufgabengebiet: Vor allem bei Verkehrsunfällen muss die Feuerwehr immer häufiger eingreifen, der Anteil an Einsätzen wie medizinische Unterstützung oder technische Hilfeleistung steigt. Aus diesem Grund haben sich die meisten Wehren mit Spreizern und Rettungsscheren ausgestattet. Die hydraulischen Rettungsgeräte vereinfachen die Personenrettung, indem sie deformierte Wrackteile auseinander drücken und Dachsäulen verunglückter Fahrzeuge durchtrennen. Moderne Rettungsscheren besitzen eine Schneidkraft von 1000 Kilonewton, das ist das 15-fache der Beißkraft des Tyrannosaurus Rex.

Nach 30 Minuten Einsatzzeit hat der Angriffstrupp die vermisste Person in Sicherheit gebracht, längst kümmern sich Rettungskräfte um das Mädchen. Die Arbeit der Feuerwehr ist damit beendet. Niepelt ist sichtlich zufrieden mit der Leistung, auch, wenn es sich am heutigen Tag nur um eine Übung gehandelt hat. „Am glücklichsten sind wir doch alle, wenn wir die Feuerwehr nicht brauchen“, sagt er.

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