Wenn Vögel zur Gefahr werden

„Scharf geschossen wird selten. Ist ein Standort interessant, kommen sie immer wieder. Da können Jäger soviel schießen wie sie wollen.“ Michaela Winch blickt durch ihr Fernglas in den Himmel über der Rollbahn. Sie spricht nicht etwa von Terrorabwehr, sie spricht von Vögeln. Denn diese werden bei Start- und Landevorgängen für den Flugverkehr zur großen Gefahr.

Michaela Winch ist mit dieser Gefahr vertraut. Ich begleite die Vogelschlagbeauftragte des Albrecht Dürer Airports in Nürnberg bei ihrer Arbeit auf dem Flughafengelände. „Wir versuchen den Vögeln die Areale rund um die Start- und Landebahn so unattraktiv wie möglich zu machen“, verdeutlicht sie und deutet auf die hohen Gräser links und rechts der Rollbahn. Dies geschieht hauptsächlich durch eine streng organisierte Grünlandbewirtschaftung. In Nürnberg setzt das Umweltteam vor allem auf Magerrasen, den Vögel aufgrund seiner nährstoffarmen und undichten Bewachsung meiden. Außerdem werden Gräser nie tiefer als 20 Zentimeter gemäht. „Die Aufwirbelung von Würmern und Körnern durch bodennahes Mähen wäre für die Vögel wie ein gedeckter Tisch.“

Gezielte Gründlandbewirtschaftung hilft dabei, die Vögel vom Flugverkehr fernzuhalten. Foto: Stefan Rauch


Prävention durch Problemanalyse

Scharf geschossen wird selten, meistens reichen Schreckschüsse aus. Trotz Winchs Jagdschein übernehmen dies aber die Bird Controller. In Schichten fahren sie Tag und Nacht das Flughafenareal ab und kümmern sich dabei um die Vogelvergrämung sowie die Tierkadaverbeseitigung. Zudem wird die studierte Umweltingenieurin regelmäßig von einem Jäger begleitet. Er ist für die Vogelbeobachtung und -zählung zuständig und stellt dadurch die aktuellen Problemgebiete des Flughafens fest.

„Problemgebiete außerhalb des Flughafens werden mit Hilfe von Radarbildern der Bundeswehr identifiziert. Der DAVVL erzeugt aus den Daten eine Übersicht, wann und wo mit größeren Vogelzugbewegungen zu rechnen ist“, erklärt Christian Hellberg, Geschäftsstellenleiter des Deutschen Ausschusses zur Verhütung von Vogelschlägen im Luftverkehr e.V.. Für den Verein stellt die Verhütung von Kollisionen zwischen Luftfahrzeugen und Vögeln eine zentrale Aufgabe dar. Folglich werden auch bestimmte Bodengebiete in Flughafenumgebung untersucht. Empfehlungen für Ufergestaltungen bei neu angelegten Gewässern sollen Wasservögel davon abhalten, sich dort anzusiedeln.


Tödliche Gefahr

Einer der bekanntesten Vogelschläge in der Geschichte ereignete sich 2009 mit genau dieser Vogelart. Kurz nach dem Start in New York kollidierte eine mit 155 Passagieren besetzte Maschine mit einem Schwarm Wildgänse. Beide Triebwerke des Flugzeugs wurden zerstört. Der Pilot musste auf dem Hudson River notlanden. „Ohne größeres Gewässer in der Nähe, wäre das bei uns nicht möglich. Der Wöhrder See reicht da nicht aus“, veranschaulicht Winch, während wir das 280 Hektar große Flughafenareal abfahren. Nicht alle Vogelschläge enden so glimpflich. Selbst kleine Vögel können in Schwärmen sehr gefährlich werden. So starben 1960 in Boston 62 Menschen durch einen Zusammenprall mit einem Schwarm Stare. Knapp 30 Jahre später kollidierte eine Boeing 737 in Äthiopien mit Guineatauben – 35 Tote. Beide Unfälle ereigneten sich kurz nach dem Start.

 

Nicht nur große Vögel können erheblichen Schaden anrichten.  Foto: DAVVL


Der Fuchs hilft mit

Neben den Vögeln leben aber auch Bodentiere innerhalb der Flughafengrenzen. Winch deutet auf zwei Hasenohren, die aus der halbhohen Wiese neben der Landebahn spitzen. „Die sind ungefährlich. Andere Flughäfen setzen Hunde oder auch speziell trainierte Frettchen ein, um Tiere zu vertreiben. Wir in Nürnberg haben einen natürlichen Mitarbeiter“, schmunzelt sie. „Der Fuchs beseitigt als Mäusejäger eine beliebte Nahrungsquelle vieler Greifvögel und vertreibt obendrein die Bodenbrüter.“

Alle fünfzehn Minuten steigen an diesem sonnigen Mittwochvormittag die Flugzeuge in die Luft. Meistens sind es die Jungtiere, die aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung getroffen werden. Vor allem die Sommermonate, in denen die jungen Vögel erste Flugversuche unternehmen, gelten als besonders gefährlich. „Erfahrung und Intelligenz sind ganz entscheidende Faktoren“, meint Winch. Neben ihr picken ein halbes Dutzend Krähen nach Futter. „Mit Krähen hatten wir tatsächlich noch nie Unfälle.“


Gefahr steigt mit Anzahl der Vögel

Der Schaden an dieser Egyptair Maschine verdeutlicht die Gefahr von Vogelschlägen. Foto: DAVVL

„Von deutschen Verkehrsflughäfen wurden im vergangenen Jahr mehr als 1200 Vogelschläge gemeldet, Tendenz leider steigend“, verdeutlicht Christian Hellberg. Neben erhöhtem Verkehrsaufkommen ist auch die gestiegene Anzahl an vogelschlagrelevanten Arten eine Ursache. So ziehen Störche aufgrund der Klimaerwärmung kaum mehr in südlichere Länder und Gänsearten aus anderen Ländern siedeln sich in Deutschland an.

 

 

 

Seit 17 Jahren ist Michaela Winch nun am Nürnberger Flughafen tätig, an dem die Vogelschlagrate bisher immer relativ niedrig war. „Die Vögel können wir nun mal nicht steuern“, wieder blickt sie mit einem Schmunzeln in den Himmel: „Und leider auch kein Netz über den Flughafen spannen.“

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