Zu gut für den Müll

Bernd Heberger ist der Besitzer der Bäckerei „Leckeres vom Vortag“ in der Nürnberger Südstadt. Das Konzept ist einfach: Sämtliche Bäckereien der Stadt beliefern ihn mit Gebäck vom Vortag – Gebäck, das sonst in der Mülltonne landen würde. Anschließend verkauft er es zu einem konkurrenzfähigen Preis.

Abgesehen davon bietet er zusätzlich Obst und Gemüse an, das den Qualitätsstandards der Supermärkte nicht gerecht wird. Das bedeutet, Heberger bekommt zu große Zucchini, ausgebeulte Auberginen oder krumme Gurken von sechs Bauern aus Nürnberg und verkauft sie weiter. „Würde ich das Gemüse nicht vom Erzeuger abnehmen, würde es am Acker landen, da die Entsorgung extra kostet“, erklärt der Bäcker.

Weltweit landet zu viel im Müll

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO wird rund ein Drittel aller genießbaren Lebensmittel weggeworfen. Knapp zwei Milliarden Menschen, also weitaus mehr als die 800 Millionen, die an Hunger leiden, könnten mit diesen entsorgten Lebensmitteln ernährt werden. Für die Produktion von nicht verzehrtem Gemüse wird trotzdem jede Menge Wasser, Dünger, Samen und Agrarfläche benutzt. Im Schnitt wirft der Deutsche pro Jahr 82 Kilogramm genießbare Lebensmittel in den Müll. In der Summe ergibt das alleine in Deutschland über sechs Milliarden Tonnen, wobei in dieser Statistik die Bauern- und Schlachthöfe gar nicht enthalten sind.

Regionales Gemüse

Vor dem Müll geretteter Spargel und Gurken  Foto: Robert Urlacher

Aufgrund der warmen Temperaturen im Mai dieses Jahres fiel die Spargelernte sehr hoch aus. Doch gute Erträge bedeuten nicht automatisch gute Gewinne. Ganz im Gegenteil. Viele Spargel-Agronomen haben sich schwergetan, ihr Produkt den Supermärkten zu verkaufen. Der Spargel dieses Jahr war einfach zu dick. Wenn das weiße Gold über 28 Millimeter groß ist, kaufen ihn Großabnehmer nicht mehr ein und der Bauer bleibt auf seiner Ernte sitzen. „In der Gastronomie ist der dicke Spargel beispielsweise so verpönt, da zum Essen als Beilage anstelle von vier bis fünf Stücken nur zwei oder drei hinzugegeben werden können“, erklärt Heberger. Der dickere Spargel ist laut seinen Kunden aber mindestens genauso lecker. Von den Zucchini darf es für die Deutschen aber auch nicht zu viel sein. „Damit der Farmer seine Zucchini an Supermärkte verkaufen kann, müssen diese zwischen 500 und 800 Gramm schwer sein“, fährt der Vortagsbäcker fort. Diejenigen, die in der Bäckerei verkauft werden, können auch mal über ein Kilo oder nur 300 Gramm wiegen.

Innerhalb der Nürnberger Stadtgrenzen geernteter Zucchini   Foto: Robert Urlacher

Die krumme Gurke

Zum Symbol dieses Wegwerf-Problems wurde in Europa die krumme Gurke. Bereits 1988 gab es eine erste europäische Verordnung zur Qualifizierung und Festsetzung von Qualitätsnormen und Standards für Gurken. Um also eine Einteilung der verschiedenen Güteklassen durchzuführen, beschreibt die Norm die Krümmung, die eine Gurke haben darf. Um eine Gurke der Klasse „Extra“, was der besten Qualität entspricht, zu klassifizieren, darf das Gemüse eine Krümmung von einem Zentimeter auf zehn Zentimetern Gurkenlänge nicht überschreiten. „600 bis 700 Gramm schwer sind Gurken im Schnitt und etwa zwölf Stück passen in eine Gurkenkiste“, erläutert Bernd Heberger. „Nun muss man sich vorstellen, wie viele noch in die Box passen würden, wäre eine dieser zwölf Gurken zu sehr gekrümmt“, fügt er hinzu. Deshalb etablierte sich die so genannte Gurkenverordnung aus Brüssel zum Maßstab für Gurkenhändler. Für rund die Hälfte des ursprünglichen Verkaufspreises kauft der 62-Jährige die verbeulten und krummen Gurken beim Erzeuger und rettet sie somit vor dem Wegwerfen.

Krumme Gurken schmecken genauso wie gerade

Henry Urban ist ein Stammkunde der Vortagsbäckerei am Aufseßplatz und kauft querbeet alles ein, was anfällt. Das Konzept der Wiederverwertung der Lebensmittel findet er sehr vorbildlich. „Krumme Gurken schmecken genauso wie gerade“, erklärt er. Er ist der Überzeugung, dass das krumme Gemüse gesünder und natürlicher ist. Perfektion sei somit etwas künstlich Geschaffenes. Urban selbst ist seit einiger Zeit Vegetarier. Er ist der Meinung, jeder muss seine eigene Welt verbessern. Im kleinen Rahmen gelingt ihm das durch den Kauf von recyceltem Essen.

Henry Urban beim Einkauf von Tomaten, die innerhalb der Nürnberger Stadtgrenze geerntet wurden.   Foto: Robert Urlacher

Trend zur Nachhaltigkeit im Einzelhandel

Auch im Einzelhandel schlägt das Thema Wellen. Bereits im Jahr 2016 bot Penny das zunächst aussortierte Gemüse durch die Aktion „Biohelden“ erneut an.  Auch Aldi-Süd hat seit August 2017 ein Programm mit dem Titel „Krumme Dinger“, um ein Zeichen gegen die hohe Lebensmittelverschwendung zu setzen und gleichzeitig die Kunden davon zu überzeugen, dass Obst und Gemüse mit optischen Mängeln trotzdem von hoher geschmacklicher Qualität sein kann. Bernd Heberger ist der Meinung, dass vor allem die jüngere Generation viel auf nachhaltige Ernährung achtet, was ihm Mut für die Zukunft gibt. Auch als Erwachsener sollte das Einkaufen und Konsumieren mit Bedacht passieren. „Prinzipiell geht es aber in die richtige Richtung und es liegt an jedem Einzelnen, etwas dafür zu tun, aus weniger mehr zu machen.“

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