Zwei Räder, unzählige Fragen

Ich habe eine Mission. Es ist ein kalter Donnerstag im Dezember; ein guter Tag für einen Termin im Museum Industriekultur in Nürnberg. Im Eingang des Museums warte ich auf den Motorradexperten Mike Kron. Ich bin ausnahmsweise überpünktlich, weil ich mir von diesem Treffen sehr viel erhoffe.

Es geht um das Motorrad von Franz Aufschläger im Untergeschoss. Seit einigen Wochen versuche ich, Informationen darüber herauszufinden. Doch die Suche gestaltet sich schwieriger als gedacht. Die Recherche im Internet oder in der Literatur erwies sich sofort als Sackgasse. Auch im Deutschen Museum in München wurde ich nicht fündig. Sowohl das Archiv als auch die Bücherei waren keine große Hilfe. Einige Tage nach dem Museumsbesuch bekam ich eine E-Mail vom Leiter des Museums Industriekultur. Matthias Murko setzte sich für mich ein und durchstöberte das Archiv. Er sendete mir einige nützliche Informationen mit Bildern. Ich war zunächst zufrieden, dass ich wenigstens ein paar Anhaltspunkte hatte. Ich machte mich sofort an die Arbeit und wertete diese über 100 Jahre alten Dokumente und Zeichnungen aus.

Jetzt sitze ich hier und warte nervös auf meine letzte Hoffnung, den Experten Mike Kron. Laut Matthias Murko soll er der Spezialist und Kenner weit und breit sein. Er baut alte Motorräder im Maßstab 1:1 nach und verkauft sie an Museen oder Sammler. Ich versuche die Zeit mit meinem Smartphone zu überbrücken. Ein paar Minuten später betreten zwei Personen das Museum. Das „Harley Davidson“-Shirt des Mannes lässt mich bereits erahnen, dass es soweit ist. Ich höre, wie die Empfangsdame Mike Kron beim Namen grüßt, und stehe auf. Der Experte wirkt leicht gestresst, offenbar steht er unter Zeitdruck. Seine Frau hingegen macht einen sehr ruhigen und entspannten Eindruck. Als wir beim Motorrad ankommen, kann ich Krons Euphorie förmlich spüren. Ich merke sofort, dass dieser Mann Motorräder liebt und Spaß an seiner Arbeit hat. Zunächst versucht er, mir paar optische Merkmale zu erläutern. „Die feinen Linien, die Nieten und die Bemalung ähneln sehr einer Kutsche aus dieser Zeit, eine Postkutsche oder ähnliches“, sagt er. Außerdem spricht er direkt die Räder des Motorrades an. Ihm ist sofort klar, dass die montierten Räder im Nachhinein gewechselt worden sind. „Beide Räder müssen im Laufe der Zeit getauscht worden sein. Diese Kreuzspeichen wurden erst um 1910 erfunden. Davor wurden ausschließlich Tangentialspeichen wie bei Fahrrädern oder Kutschen eingesetzt. Dieser Umbau war wahrscheinlich nötig, damit die Räder dem Gewicht des Motorrades standhalten“, erklärt der Motorradexperte.

Das erste Motorrad um 1895 von Franz Aufschläger steht im Untergeschoss des Museums Inustriekultur in Nürnberg. Foto: Emre Yilmaz

Einzylinder mit 880 Kubik

Nachdem wir die Äußerlichkeiten besprochen haben, möchte er einiges zur Funktionsweise des Zweirades erzählen. Er kniet nieder und versucht durch die kleinen Schautürchen in das Innere zu blicken. Er ist zunächst sehr vorsichtig und will das Motorrad möglichst nicht anfassen. „Ich bin mir sicher, dass dieser Motor nicht extra für dieses Zweirad gebaut wurde. Er ist erstaunlich sauber verarbeitet und noch sehr gut in Schuss. Der Aufbau gleicht einer typischen Dampfmaschine aus dieser Zeit. Das kann ich von hier aus schon sehen, da brauchen wir die Verkleidung nicht demontieren. Höchstwahrscheinlich stammt der Motor von einer großen Pumpe.“

Aus meinen bisherigen Ergebnissen wusste ich, dass es sich bei dem Motor um einen Einzylinder-Viertaktmotor handelt. Doch wie die einzelnen Komponenten zusammenarbeiten und was die einzelnen Hebel und Knöpfe für eine Aufgabe haben, wusste ich nicht.

Außerdem beschäftigt mich von Anfang an die Frage, welchen Hubraum der Motor hat. Nur so kann ich mir ein Bild über die Leistung und den Antrieb machen. Der Experte rückt noch ein Stück näher und greift durch die Schautürchen durch. Ich reiche ihm ein langes Maßband, damit er den Zylinder ausmessen kann. Er diktiert mir die einzelnen Maße und ich schreibe alles mit. Anschließend beginnt Kron eine aufwendige Rechnung. „Wenn die Bohrung, also der Durchmesser, 80 Millimeter beträgt, müssen wir fünf bis sechs Millimeter wegen der Dicke des Materials abziehen. Der Hub, also der Weg, den der Kolben im Inneren des Zylinders zurücklegt, beträgt 140 Millimeter, was wirklich viel ist.“ Wir rechnen zuerst die Querschnittsfläche aus, um das Ergebnis anschließend in die Formel für das Volumen einzusetzen. Ich gebe die Werte in meinen Rechner ein und verrate ihm das Ergebnis: „880 Kubikzentimeter sind für einen Einzylinder erstaunlich viel, wenn man bedenkt, dass heutzutage Dreizylinder für diese Größe verwendet werden“, sagt Mike Kron. Jetzt beugt er sich über den Lenker und dreht an einer kleinen Schraube. Das Gewinde ist erstaunlich leichtgängig, obwohl es sehr lange Zeit nicht eingeölt wurde. Er fragt mich nach einer Taschenlampe. Ich schalte das Licht von meinem Smartphone an und leuchte in das kleine Loch. „Wie ich schon geahnt habe, ist das der Tank. Natürlich gab es damals keine Tankstellen. Man hat sich Reinigungsbenzin von der Apotheke besorgt und hier hineingefüllt. Es wurde meist in kleinen Fläschchen abgefüllt, deshalb ist das Loch auch so klein. Das Loch mit dem Rädchen daneben ist der Öltank mit dem Ölmengenregulierungsventil. Das sehen wir an der Skalierung, die von eins bis elf geht. Je nach Fahrweise und Außentemperatur musste man die Ölmenge und das Verbrennungsgemisch manuell bestimmen“, erklärt er  schraubt das Loch wieder zu.

Der Benzin- und Öltank befinden sich vor bzw. unter dem Sitz. Die Löcher haben einen Durchmesser von ca. vier Zentimetern. Foto: Emre Yilmaz

Ein Blick ins Innere

Das „Bitte nicht berühren“-Schild fällt dabei auf den Boden. Ich hebe es auf und möchte es wieder auf den Sitz legen. Doch Mike Kron spielt bereits an einer anderen Klammer, direkt vor dem Sitz. Ich schaue gespannt zu und beobachte die Situation. Plötzlich ertönt ein Geräusch und ich traue meinen Augen nicht: Der Motorradfan klappt kommentarlos den Sitz nach oben und blickt in das Innere.

Andere Besucher des Museums laufen währenddessen an uns vorbei und werfen fragende Blicke rüber. Ich bin mit der Situation leicht überfordert und habe das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Doch die Neugier überwiegt. Ich leuchte erneut mit meiner Lampe hinein und höre zu. „Jetzt sehen wir hier eine große Rost- und Dreckschicht. An der Unterseite des Sitzes können wir die Vierkantmuttern sehen, die für diese Zeit typisch waren. Das lose Rohr wird wahrscheinlich irgendeine Verbindung vom Tank zum Motor gewesen sein. Von diesem Punkt aus sieht man auch den Schalldämpfer an der Unterseite des Motorrades.“

Das Innere des Motorrades ist sehr verdreckt und eingerostet. Der Sitz wurde mit Vierkantmuttern befestigt. Fotos: Emre Yilmaz

Vorsichtig klappt Mike Kron den Sitz zurück in seine Ausgangsposition und ich stelle das Schild wieder auf seinen Platz. Ich bin erleichtert, dass wir keinen Ärger bekommen haben. Für heute kann mir der Motorradexperte leider nichts mehr sagen. Er muss mit seiner Frau zu einem anderen Temin. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und planen gleichzeitig, wie wir beim nächsten Treffen noch mehr herausfinden können. Seine Frau schlägt vor, eine Minikamera zu besorgen, die wir dann mithilfe eines Drahtes durch die Schautürchen schieben können. So könnten wir hinter das Blech schauen, ohne Anbauteile zu demontieren. Das Geheimnis hinter diesem Einzelstück scheint zu einem großen Teil gelüftet zu sein.

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