Ein kleiner Graben mit großen Auswirkungen

Die Folgen des Klimawandels sind auch im Nürnberger Knoblauchsland zu spüren. Der Ortsteil Neunhof ist Überschwemmungsgebiet und wurde immer wieder von Hochwasser getroffen. Bei einer nachhaltigen Stadtentwicklung kann sich Hochwasservorsorge über Jahre erstrecken.

„Die Leute waren nicht vorbereitet. Gegen Feuer kann die Feuerwehr viel machen, aber gegen Wasser bist du machtlos. Wohin sollst du das Wasser pumpen, wenn überall ringsum Wasser ist?“, schildert Konrad Schuh die Ereignisse im August 2010, als einige Grundstücke des Ortsteils Neunhof im Knoblauchsland von Hochwasser nach Starkregen betroffen waren. Als freiwilliger Feuerwehrmann half er damals den Betroffenen. Außerdem ist er zweiter Vorsitzender der Bürgergemeinschaft Neunhof e.V.. Als Vertreter der Bürger von Neunhof gegenüber der Stadt Nürnberg suchten sie damals das Gespräch, um bei dem Thema Vorsorge bei Hochwasser und Überschwemmungen in der Gegend zu handeln. Ein früherer Versuch, nach einem Hochwasser in den 1990er-Jahren die Problematik anzugehen, sei an der Finanzierbarkeit der geplanten Maßnahmen gescheitert, erzählt Konrad Schuh. Anfang 2011 folgten zwei weitere Hochwasser. Die Feuerwehr rückte erneut aus, um in den bewohnten Gebieten zu helfen. Die Forderungen der Bürger nach einer effektiven Lösung zum Schutz der Betroffenen wurden lauter. In den Jahren zuvor gab es keine derartigen Hochwasser, aber auch durch den Einfluss des Menschen in dem Gebiet wurde das natürliche Verhalten des Wassers bei Überschwemmungen spürbar beeinflusst.

Die Kreuzäckerstraße läuft über den Lachgraben aus der Siedlung heraus in das Landschaftsschutzgebiet. Foto: Vivien Hermanns

Die Schäden durch Hochwasser, wie die an der Donau im Jahr 2013, haben in der Vergangenheit immer wieder immense Schadenssummen zur Folge gehabt. Auf EU-Ebene wurde deshalb 2015 die Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie (HWRM-RL) eingeführt. Seitdem wurden von Hochwasserrisiken gefährdete Flusseinzugsgebiete bewertet und Pläne für das Hochwasserrisikomanagement erstellt. Bei Hochwasser und Überschwemmungen an Flüssen und Bächen kann jede schützende Baumaßnahme Auswirkungen auf den gesamten Flussverlauf und somit auch auf Menschen, Pflanzen und Tiere haben. Bereits seit 1997 hat sich die Stadt Nürnberg zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung positioniert und seit 2018 den Zielen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen verpflichtet. Damit sollen frühzeitig Krisen verhindert und vorbeugend gehandelt werden.

Die Thematik Wasser bei Trockenheit

„Es ist jetzt komisch über das Wasser zu sprechen. Aber wenn es kommt, heißt‘s wieder: Ey, warum habt ihr nichts gemacht in den letzten zehn Jahren?“, sagt Konrad Schuh. In den letzten Jahren hatten der Ortsteil und die Landwirte vor allem mit Trockenheit zu kämpfen. Aber auch in einem kleinen Gebiet wie dem Ortsteil Neunhof sind nachhaltige Maßnahmen zur Hochwasservorsorge sinnvoll. Am Dorf vorbei fließt der Lachgraben, der ein Wassergrabenableger der Gründlach ist. Über den Graben führt eine kleine Brücke aus der Siedlung heraus. Während der freiwillige Feuerwehrmann von seinen Erlebnissen mit dem Hochwasser vor Ort berichtet, laufen Spaziergänger in Richtung Bannwald vorbei. Ein Junge fährt auf seinem Laufrad bis zu den angrenzenden Pferdekoppeln und schaut den grasenden Pferden zu, bis seine Mutter aufholt. Ein Bauer fährt auf seinem Traktor vorbei und grüßt den Bürgervertreter. Die Gegend würde nicht nur von Bewohnern genutzt, sondern auch von vielen Spaziergängern aus Nürnberg, Erlangen und Umgebung besucht, sagt Schuh.

Die Koppeln wurden aufgefüllt. Allerdings kann das Wasser die Flächen nicht mehr überfluten und suchte sich in 2010 den Weg in die Wohngebiete. Foto: Vivien Hermanns

Das Gebiet ist als Überschwemmungsgebiet amtlich bekannt und festgesetzt worden. Dafür sind im Freistaat Bayern die Wasserwirtschaftsämter zuständig. Infolge des Klimawandels werden Wetterextreme wie Starkregen immer häufiger. Aber auch die Gestaltung und Nutzung der besiedelten Gegend durch den Menschen ließen die Auswirkungen und das Risiko über die Jahre wachsen. Schnell kann auch ein kleiner Graben, wie hier an der Kreuzäckerstraße, überlaufen. Das Hochwasser wird zunehmend zum Problem für die Bewohner, auch wenn es seitdem keine weiteren Ereignisse gab. Ulrich Fitzthum, Leiter des Wasserwirtschaftamts (WWA) in Nürnberg, kennt die Problematik. Bezogen auf aktuelle Zahlen des Weltklimarats IPCC könnten sich allein bei einer menschengemachten, globalen Temperaturerhöhung von 2 Grad – statt den im Pariser Klimaabkommen beschlossenen 1,5 Grad – die weltweiten Überflutungsflächen auch in Nürnberg verdoppeln.

„Sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, macht Sinn. Das ist sozusagen der Metablick auf das Thema. Das ist ein globales Problem“, meint der Leiter des WWA. Um in Neunhof eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben, brauche es das Gleichgewicht der drei Säulen ökologische Verträglichkeit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Dieser Maßstab werde auch vom WWA verfolgt. „Das kann keiner für sich allein lösen und damit das dann funktioniert, braucht es entsprechende Spielregeln, an die sich möglichst alle halten. Und das bedeutet, dass im Einzelfall es für die Leute nicht so optimal gelöst wird, wie sie sich das vielleicht vorstellen. Im Sinne des Ganzen aber schon, weil sonst funktioniert das nicht“, sagt Ulrich Fitzthum.

Die Erstellung einer Hochwassergefahrenkarte

Nach ersten Gesprächen aller Beteiligten in der Gastwirtschaft Zum Alten Forsthaus folgten ausführliche Berechnungen und die Datenerfassung für das gesamte Gebiet Neunhof, die angrenzenden Wassereinzugsgebiete und den Verlauf der Gründlach. Das Vorgehen des WWA wurde von der HWRM-RL abgeleitet und für das Gebiet konnte eine vorläufige Hochwassergefahrenkarte erstellt werden. Sie zeigt alle überfluteten Flächen und Wassertiefen in dem Gebiet bei einem 100-jährlichen Hochwasserabfluss (HQ100) auf. Der HQ100 ist ein rein statistischer Wert. Ein Hochwasser in diesem Ausmaß tritt statistisch betrachtet alle 100 Jahre auf. Allerdings kann es auch innerhalb von 100 Jahren mehrfach zu einem Hochwasserereignis dieser Größenordnung kommen. Dann würde allerdings auch der statistische Wert angepasst, da sich das voraussichtliche Wiederkehrintervall verkürze, erklärt der Leiter des Wasserwirtschaftsamts.

Für die ausführlichen Berechnungen werden unter anderem Experten, sogenannte Hydrauliker, aus dem Gebiet des technischen Wasserbaus herangezogen. Dirk Carstensen, Professor und Leiter des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der Technischen Hochschule Nürnberg (IWWN), erstellt mit seinem Team regelmäßig Hochwassergefahrenkarten in Gefahrengebieten: „Es gibt kein Hochwasser, was in der gleichen Form wieder eintritt. Jedes Hochwasser ist anders. Jede Niederschlagsfolge ist anders. Jeder Verlauf eines Hochwassers ist anders. Wir nehmen einen Zustand, den wir vielleicht als Worst Case ansetzen können und der sehr wahrscheinlich ist. Der findet sich dann auch in solchen Karten wieder“, erklärt der Hydrauliker. Hochwassergefahrenkarten basieren auf technischen Daten, zum Beispiel Höhendaten, die heute alle flächendeckend vorliegen. Zum Teil seien diese Naturereignisse noch nie erlebt worden, weil die Karten nur auf Szenariomodellen basieren. Aber die Verantwortung der Hydrauliker beim Erstellen dieser Karten sei immens, weiß der Wasserbauexperte.

Skizzierte Überflutung bei einem HQ100. Skizze und Foto: Vivien Hermanns

Deshalb wurden in Neunhof auch die Bürger und Betroffenen eingebunden, um die Karte iterativ zu erweitern. In weiteren Treffen wurde gemeinsam geklärt, ob die auf der Karte markierten überschwemmten Gebiete mit bisherigen Erfahrungen übereinstimmen. Das sei auch zwei Jahre nach dem Hochwasser positiv von den Bewohnern aufgenommen worden, berichtet Konrad Schuh. Im Anschluss wurden bei einer erneuten Veranstaltung des WWA die geplanten Maßnahmen vor Ort vorgestellt und erneut mit den Forderungen der Bürgergemeinschaft abgeglichen.

Jahrelange Planungen

In Zukunft sollen die bewohnten Gebiete von einer 40 Zentimeter hohen Mauer geschützt werden. Damit diese sich in das Landschaftsbild eingliedern kann, wird sie unter einem Erdwall versteckt. Die Höhe der Mauer berechnet sich aus dem prognostizierten Abfluss und der daraus resultierenden Wassertiefe und beinhaltet gleichzeitig einen sogenannten Freibord. Dieser Freibord wird als Sicherheit in die Planung miteinbezogen, damit die Mauer nicht gleich bei unvorhersehbaren Ereignissen überflutet wird. Somit würde auch die Ökonomie beachtet werden, begründet Dirk Carstensen. Um gleichzeitig das Abfließen des Wassers gewährleisten zu können, wird ebenfalls ein Teil der Kreuzäckerstraße abgesenkt. „Dies wirkte bisher wie ein Staudamm und hielt das Wasser zurück“, beschreibt Ulrich Fitzthum. Dadurch werde allerdings der Rückhalteraum verringert und es müsse gemäß den Vorgaben der HWRM-RL ein Ausgleich der Flächen flussabwärts geschaffen werden. Aber nicht nur das Wassereinzugsgebiet des Ortsteils Neunhof, sondern auch der Nachbarortsteil Kraftshof ging in die Planungen ein. Hier soll die natürliche Wasserscheide zwischen den Gebieten wiederhergestellt werden.

Die Kreuzäckerstraße liegt höher als Felder und Wiesen und soll abgesenkt werden, damit das Wasser besser abfließen kann. Foto: Vivien Hermanns

Bevor die Maßnahmen umgesetzt werden können, folgte ein Planfeststellungsverfahren. Dieses beinhaltet unterschiedliche Prüfverfahren, in denen auch einzelne Beeinträchtigungen abgewogen und ausgeräumt werden können, denn die Flächen für die baulichen Maßnahmen haben mehrere Besitzer. Auch unterliegt das Verfahren verschiedenen Planungsphasen, die öffentlich, nicht öffentlich oder beispielsweise mit Auslage durchgeführt werden. Ebenfalls haben die Bürger die Chance Einwendungen vorzubringen, denen nach Möglichkeit nachgekommen wird. Sonst könnten Klagen erhoben werden. Diese Hindernisse kennen Ulrich Fitzthum und Dirk Carstensen. Dadurch können sich Planfeststellungsverfahren im Bereich der Hochwasservorsorge über mehrere Jahre hinwegziehen. In Nürnberg ist es zudem schwer, passende Ausgleichsflächen zu finden, da das Stadtgebiet kaum noch Kapazitäten hat. Ein bekanntes Beispiel für ein jahrelanges Verfahren inklusive Klagen ist der Ausbau des Frankenschnellwegs.

Aus Sicht der Neunhofer folgte eine Zeit, in der es nicht voran ging. Als Vertreter der Bürgergemeinschaft kamen viele frustriere Bürger auf Konrad Schuh zu: „Vor Ort sagen die Leute: Was ist denn passiert? Gar nichts. Du wirst immer vor Ort gemessen und nicht was diskutiert und geplant wird.“ Vor allem nach neun Jahren glaube langsam keiner mehr, dass etwas passiert, ergänzt der zweite Vorsitzende.

Nachhaltige Hochwasservorsorge betrifft alle

Aus seiner Erfahrung im Bereich der Hochwasservorsorge weiß der Hydrauliker Dirk Carstensen, dass diese Art der Diskussion auf verschiedene Arten geführt werden kann. Als Bürger liege der Fokus auf dem eignen Ortsteil und die objektive Herangehensweise des WWA sei schwer zu vermitteln. Auf die Dauer gehe das Vertrauen in die Arbeit verloren. Gleichzeitig komme es auch bei Betroffenen zu einer Risikodemenz, da das Ereignis bereits Jahre zurückliege. Allerdings können auch Einzelne diese Verfahren verzögern, zum Beispiel wenn eigene Interessen dem Gemeinwohl überwiegen. Das bestätigt auch Ulrich Fitzthum: „Heutzutage fällt es nicht mehr allen leicht zu Gunsten eines Vorhabens, das allen dient, zum Beispiel Teile des eigenen Grundstücks zur Verfügung zu stellen.“ Für die Verhandlungen benötigt es daher eine geschickte Kommunikation auf mehreren Ebenen.

Kultur- und Freizeitgebiet: Direkt an den Koppeln an der Kreuzäckerstraße befindet sich das Flurdenkmal Kreuz bei den Kreuzäckern, das um 1500 entstand und heute vom Frankenbund e.V. gepflegt wird. Foto: Vivien Hermanns

Bezogen auf die drei Säulen der Nachhaltigkeit, spielt hier der Faktor Soziales eine wichtige Rolle, denn die Umsetzung einer nachhaltigen Hochwasservorsorge ist kein einfacher Prozess. Vor allem wenn für die Betroffenen vor Ort Maßnahmen nicht direkt sichtbar sind, wie sie es zum Beispiel bei einem weiteren Projekt des WWA im urbanen Wasserbau namens Wasserwelt Wöhrder See sind. In Neunhof stehen jedoch das Soziale und die Ökonomie immer wieder im Konflikt. Die Notwendigkeit der Maßnahmen geriet in Vergessenheit. Doch die Folgen des Klimawandels haben sich auch im Knoblauchsland bemerkbar gemacht. Starkregen können die Gräben vermehrt überlaufen lassen und die Trockenheit der letzten Jahre schlägt sich auf den Ertrag aus.

Das weiß auch Konrad Schuh, der selbst praktizierender Landwirt im Nebenerwerb ist: „Wir hoffen halt jetzt, dass es zu einem guten Ende kommt und wir dann jedem auf die Schulter klopfen können und sagen: Jawohl, die paar Höfe sind geschützt. Die Landschaft bietet Überschwemmungsbereiche und wenn das Wasser kommt, dann ist es da.“ Denn nicht nur Landwirte, auch die Tiere und Pflanzen profitieren von den schon immer dagewesenen Überschwemmungen und fühlen sich in dieser Gegend wohl. Und das solle auch zukünftig so bleiben, wünscht sich Konrad Schuh.

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