Schafe mitten in der Großstadt

Die Stadt Nürnberg arbeitet für ein optimales Miteinander eng mit Schäfern im Stadtgebiet zusammen. Ansprechpartnerin Gisa Treiber gibt einen Einblick in die Zusammenarbeit. Franz Kißlinger, Wanderschäfer in Nürnberg, berichtet von Erfahrungen der Schäfer in der Stadt aus erster Hand.

Einmal im Jahr müssen Schafe geschoren werden. Die Wolle wird unter anderem zu Socken, Pullovern oder Schals verarbeitet. Wollkleidung ist ein qualitativ hochwertiges und vor allem nachhaltiges Produkt. Seit einigen Jahren geht der Markt für Schafwolle jedoch stark zurück. „Wohin mit der ganzen Wolle?“, fragt Franz Kißlinger, Wanderschäfer in Nürnberg, verzweifelt. Bei ihm liegt die Wolle von diesem Jahr in den Scheunen, da sie ihm niemand abnimmt. Schafe produzieren allerdings nicht nur Wolle, sondern sind durch ihre schonende Pflege von Wiesen Lebensraumretter für viele Lebewesen. Durch Schafe werden die Qualität und Vielfalt der Landschaften im Raum Nürnberg nachhaltig bewahrt. Doch auch in der Region gibt es immer weniger Schäfer.

Franz Kißlinger, Wanderschäfer der siebten Generation, legt alle Wege mit seinen Schafen zu Fuß zurück. „Die einzigen Ausnahmen sind Schafe, die gerade lammen und frischgeborene Lämmer“, erklärt der Schäfer. Bei der Wanderung müssen die Herden quer durch Städte. Franz Kißlinger handhabt das mit seinem Team oft so, dass zuerst ein Auto vorneweg fährt. Dann kommt die Herde, in der eine Person mitläuft. Den Schluss bildet ein weiteres Auto. Bei entsprechend viel befahrenen Straßen versuchen die Schäfer möglichst frühe oder späte Uhrzeiten für die Überquerung zu wählen.

Schafe auf einer Wiese: Mit Schafen kann eine Wiese nachhaltig gepflegt werden. Foto: Julia Schneider

„Es passiert immer öfter, dass wir in größeren Städten von Autofahrern, die ein paar Minuten warten müssen, beschimpft werden“, erzählt Franz Kißlinger. „Da gibt es diverse Reaktionen der Bevölkerung: Manche freuen sich, wenn sie Schafe sehen, andere haben schon nach drei Minuten keine Geduld mehr und verlieren den Respekt.“ In den letzten 30 Jahren hat sich mit Blick auf die Städte viel verändert. Der Schäfer kennt Erzählungen seines Vaters und Großvaters: „Der Verkehr war einfach weniger und die Akzeptanz der Bevölkerung war größer. Früher mussten wir uns nicht gleich nach drei Minuten beschimpfen lassen.“

Kooperation der Schäfer mit der Stadt Nürnberg

Auch das Umweltamt der Stadt Nürnberg, genauer die Abteilung Untere Naturschutzbehörde, hat die Herausforderungen für Schäfer in der Stadt erkannt. Zunächst versucht sie, die Bürger aufzuklären. „Für uns ist die Öffentlichkeitsarbeit mit Blick auf die Schafe in der Stadt sehr wichtig“, sagt Gisa Treiber, Ansprechpartnerin bei der Unteren Naturschutzbehörde. Alle Schäfer im Stadtgebiet haben das Problem mit Bürgern. Einige sind ungeduldig bei Straßenüberquerungen. Andere wissen bei Spaziergängen in der Natur nicht, wie sie sich einer Schafherde gegenüber richtig verhalten.

Menschen mit ihren Hunden spazieren und haben diese nicht an der Leine. In der Nähe einer Schafherde kann das zu großen Problemen führen. Die Schäfer haben zur Unterstützung Hütehunde, welche die Herde führen und beisammenhalten. Da Schafe ängstliche Tiere sind, kommt es zu Verwirrungen und Problemen, wenn sich ein anderer Hund, vor allem ohne Leine, der Herde nähert. „Manche Menschen verstehen einfach nicht oder haben das Bewusstsein verloren, wie sie sich gegenüber einer Schafherde verhalten sollen. Hierdurch entstehen permanent Konfliktsituationen, weshalb die Öffentlichkeitsarbeit enorm wichtig ist“, betont Gisa Treiber. „Uns unterstützen die Naturschutzwächter, die ein paar Tage die Woche für einige Stunden bei den Schäfern im Stadtgebiet dabei sind. Sie klären die Menschen in diesen Situationen auf.“

In den Weidegebieten Gebersdorf und Pegnitztal Ost werden Schäfer und die Untere Naturschutzbehörde von Mitarbeitenden der Noris-Arbeit Nürnberg (NOA) unterstützt. Sie informieren die Menschen aktiv und begleiten die Schäfer zum Beispiel bei Stadtdurchquerungen. Auch veröffentlichte die Untere Naturschutzbehörde eine Broschüre, in der alle wichtigen Informationen zu Schafherden in der Stadt veranschaulicht sind.
Treiber sieht die Zusammenarbeit nicht als Unterstützung an, sondern eher als eine Art Kooperation mit den Schäfern. „Wir als Stadt haben auch viele Vorteile durch die Arbeit der Schäfer“,  meint Gisa Treiber. Franz Kißlinger verrät außerdem, dass sich die Stadt an heißen Tagen darum bemüht, dass die Schafe Wasser bekommen. „Wir fühlen uns bei der Stadt sehr willkommen. Uns werden keinerlei Steine in den Weg gelegt.“

Arbeit mit der Natur – nicht gegen sie

Schafe mit Lämmer in Stall von Franz Kißlinger. Foto: Julia Schneider

Die flauschigen Pflanzenfresser pflegen den Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Auch für Menschen können die hohe Artenvielfalt und die gepflegten Landschaften beruhigend, erholsam und ein Zufluchtsort sein. Der Schäfer und die Schafe arbeiten mit der Natur und nicht gegen sie. Die Weiden, auf die die Schäfer gehen dürfen, sind Lebensraum für Wildvögel, Bienen und viele andere Tierarten. Ein Traktor zerstört beim Mähen einer Wiese Vogelnester und Pflanzen. Frischgeborene Hasen und andere Organsimen werden verletzt oder getötet. Schafe hingegen geben auf genau diese Dinge Acht. Ausnahmen sind panische Momente.

Ein anderer Pluspunkt für die Schafbeweidung ist, dass die Wolle ein Samentaxi für Pflanzen ist. Ein Samen setzt sich an einem Ort in die Wolle eines Schafes und fällt an anderer Stelle wieder aus, sodass die Pflanzen an unterschiedlichen Orten weiterwachsen können. „Ich arbeite mit meinen Schafen für die Artenvielfalt und für die Erhaltung des Lebensraums. Genau dafür bekomme ich dann auch meine Förderungen von zum Beispiel dem BUND Naturschutz, dem Landschaftspflegeverband, dem Vertragsnaturschutzprogramm oder dem Landwirtschaftsamt“, erklärt der Schäfer. Am Ende des Tages könnten viele Schafbetriebe ohne solche Förderungen nicht überleben, da diese oft bis zu 50 Prozent des Geldes ausmachen.

Wolle ist nicht nur ein Samentaxi, sondern auch ein nachhaltiges und nachwachsendes Produkt für die Herstellung von Kleidung für Menschen, Dünger oder für den Einsatz als natürliche Wärmedämmung. „Seitens der Stadt bestehen Überlegungen, regionale Produkte im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit stärker zu bewerben. Zum einen sind Wollpellets interessant. Diese können als Dünger im eigenen Garten verwendet werden. Zum anderen kann Wolle auch unverarbeitet im Garten eingesetzt werden. Ich selbst nutze Rohwolle in Hochbeeten, da diese viel Wasser speichern kann und viele Nährstoffe enthält“, berichtet die Ansprechpartnerin der Unteren Natruschutzbehörde.

Der Beruf des Schäfers stirbt immer weiter aus, was der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wiesen in Städten zum Verhängnis werden kann. „Ich glaube, dies hängt mit der Politik und der Landschaftsentwickung zusammen. Es gibt eigentlich genügend junge Menschen, die sich für den Beruf interessieren. Jedoch verdienen sie nur wirklich Geld, wenn sie sich selbstständig machen. Dann stellt sich aber die Frage: Wo bekomme ich Weidefläche her? Der Staat sollte den Einstieg für junge sich selbstständig machende Schäfer mehr unterstützen“, fordert Franz Kißlinger. Er selbst habe von den Generationen vorher profitiert und musste nicht bei Null anfangen.

Um mit den Schäfern in der Stadt Nürnberg ein gutes Miteinander erreichen zu können, ist es wichtig, dass wir mehr auf regionale Produkte setzen, also beispielsweise Kleidung aus regionaler Wolle kaufen. Ebenso ist es wichtig, die Schäfer zu akzeptieren. Gisa Treiber hofft, dass die Nürnberger den Schäfern künftig mehr Akzeptanz und Respekt schenken.

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