Blitzschnelle Entscheidung bei Gelb

Mal leuchtet sie Grün, mal Rot, für kurze Zeit auch Gelb. Die Ampel dient zur Sicherheit der Verkehrsteilnehmer in Kreuzungsbereichen. Und doch stellt sie Autofahrer hin und wieder vor unsichere Situationen, sodass in Sekunden Entscheidungen folgen.

Die Straße flimmert vor Hitze. Die stickige und warme Luft im Auto steht förmlich. Martina Neumann ist nach Feierabend auf dem Heimweg und möchte einfach schnell zuhause ankommen. Die Straße ist eben und frei. Zwischen der Mutter und ihrem Ziel liegen 14 Kilometer, fünf Ampeln und drei Kreisverkehre. Doch genau dieser eine Moment ist nun entscheidend. Die Ampel vor ihr schaltet auf Gelb und Neumann muss sich in Windeseile entscheiden, ob es Zeit ist zu bremsen oder doch das Gaspedal zu drücken.

Die fünf Ampeln auf Neumanns Heimweg sind fünf von 1,5 Millionen Ampeln in Deutschland. Ganz offiziell heißen Ampeln Lichtsignalanlagen und es gibt sie schon seit über hundert Jahren. Das Gelb der Ampel feiert bald aber erst seinen 100. Geburtstag. Außerdem ist rechtlich festgelegt, wie lang die Gelbphase der Ampel in den Bereichen unterschiedlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen dauern muss.

Die Entscheidung steht an

Laut Straßenverkehrsordnung ist bei Gelb vor der Kreuzung auf das nächste Zeichen zu warten. Also eigentlich sollten die Autofahrer anhalten. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Es ist erlaubt, bei Gelb über die Ampel zu fahren, wenn das Auto durch mittelmäßiges Bremsen nicht vor der Haltelinie zu stehen kommt oder es eine Gefahr für den nachfolgenden Verkehr gibt, beispielweise in einem Auffahrunfall.

Bei gelber Ampel unmittelbar vor der Haltelinie. Foto: Annemarie Neumann

Neumann ist nur noch wenige Meter von der Ampel entfernt und im Rückspiegel sieht sie, dass dicht hinter ihr ein weiteres Fahrzeug fährt. Sie entscheidet sich, nicht mehr zu bremsen, sondern mit der maximal erlaubten Geschwindigkeit die Kreuzung zu überqueren. Auch ihr Hintermann, ein Mann in einem schwarzen VW Passat fährt noch über die Ampel. „Der wird, wenn überhaupt bei Dunkelgelb durchgefahren sein“, spekuliert sie. „Hat der ein Glück, dass hier kein Rotblitzer steht, der hätte bestimmt ausgelöst.“

Sicherheit durch Überwachung

Rotblitzer, auch Ampelblitzer genannt, gewährleisten seit fast 50 Jahren die Sicherheit in Kreuzungsbereichen. Seither hat sich die Technik dahinter verändert. „Wenn möglich, rüsten Kommunen auf Laser-Technologie um“, erklärt Thomas Fabricius, Vertriebsleiter für Rotlichtüberwachung der Dienstleistungsfirma Vetro. „Es gibt zwar immer noch die Induktionsstreifen-Technik, die zuverlässig ist, aber durch Verschleiß der Fahrbahn höhere Folgekosten mit sich bringt.“ Das Prinzip bleibt dasselbe. Es findet eine Weg-Zeit-Berechnung statt. Sei es durch die Signale von zwei aufeinanderfolgenden Induktionsschleifen oder durch einen Laserstrahl, der reflektiert und dann wieder aufgefangen wird. „Natürlich findet auch eine Kommunikation zwischen Lichtsignalanlage und Messanlage statt, damit die Überwachungstechnik weiß, wann rot ist und vor allem wie lange schon.“, beschreibt Fabricius. Es wird unterschieden zwischen dem Haltelinienverstoß, dabei rollt der Verkehrsteilnehmer nur über die Haltelinie und dem qualifizierten Rotlichtverstoß, bei dem dieser in den Gefahrenbereich, also in den Kreuzungsbereich, hineinfährt, nachdem die Ampel schon länger als eine Sekunde rot war. „Letzterer Verstoß wird stärker geahndet und geht in der Regel auch mit einem Führerscheinentzug einher.“

Strecke bis zur gelben Ampel. Foto: Annemarie Neumann

Neumann fährt weiter. Nach wenigen hundert Metern kommt schon die nächste Ampel. Aber auch hier muss sie wieder aufpassen, auch diese Ampel schaltet gerade um. Irgendwie scheint sie heute eine gelbe Welle zu haben. Dieses Mal liegen zwischen ihr und der Ampel aber noch knapp 70 Meter und bei den erlaubten 70 Stundenkilometern, die sie fährt, kommt sie rechtzeitig vor der Ampel zum Stehen.

Theoretische Rechnerei

Doch wie genau soll ein Autofahrer festlegen, ob er bremsen soll oder nicht – diese Entscheidung ist abhängig von der Geschwindigkeit und  deren Begrenzung, der Entfernung zur Ampel und den Bedingungen der Fahrbahn. Vom Sehen der gelben Ampel bis der darauffolgenden Reaktion vergeht circa eine Sekunde und in dieser legt das Auto eine gewisse Strecke in der Ausgangsgeschwindigkeit zurück.

In der Fahrschule lernt der Fahrschüler Faustformeln, die in solchen Situationen helfen. Die Formel für den Anhalteweg überschlägt grob die benötigte Strecke bei trockener Fahrbahn.
Durch physikalische Bewegungsgleichungen lässt sich die Strecke sogar exakt berechnen und so eine theoretische Entscheidung treffen, ob das Auto abbremsen oder weiterfahren soll. Beispielsweise bei erlaubten 70 Stundenkilometern sollte ein Autofahrer bremsen, wenn er noch mindestens 58 Meter von der Haltelinie entfernt ist. Dies entspricht etwas mehr als dem Abstand zwischen zwei Leitpfosten, die außerorts 50 Meter voneinander entfernt stehen. Sonst gilt es, mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit die Kreuzung zu überqueren. Praktisch ist die Zeit jedoch zu kurz, um den Anhalteweg zu berechnen. So entscheidet Neumann eher spontan nach Gefühl.

Das selbstgemachte Ampel-Eis. Foto: Annemarie Neumann

 

Martina Neumann ist mittlerweile zuhause angekommen. Alle anderen Ampeln waren grün, als sie an ihnen vorbeifuhr. Bei der anhaltenden Hitze genehmigt sie sich jetzt erstmal ein Eis mit ihren Kindern. Wie der Zufall es will, ist das Eis ein selbstgemachtes grün-gelb-rotes Eis in der Geschmacksrichtung Kiwi-Orange-Kirsche.

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