Den Bettwanzen so richtig einheizen

Der Sage nach hat der Rattenfänger von Hameln mithilfe einer Flöte eine ganze Stadt von Ratten befreit, vollkommen ohne Chemie. Diese Idee, Schädlinge anstatt mit Gift mit technischen und nachhaltigen Mitteln zu beseitigen, gewinnt auch heute wieder an Relevanz

Das Hotelzimmer wirkt unscheinbar. Teppichboden, ein großes, weiß bezogenes Bett mit Bettkästen, ein Schrank und an der Wand ist ein Flachbildfernseher. Es gibt auch ein kleines Bad. Weder sieht es in irgendeiner Weise verwahrlost aus, noch riecht es außergewöhnlich. Ein Bild von einer Spinne hängt an einer der Wände. Aber ein Problem gibt es trotzdem. Das erklärt zumindest die Mitarbeiterin eines Nürnberger Hotels, welches das ortsansässige Unternehmen Angermeiers Schädlingsbekämpfung damit beauftragt hat, das Zimmer von Bettwanzen zu befreien.

Das Zimmer wird umgeräumt. Anschließend wird das Gerät aufgestellt und mit Starkstrom versorgt. Foto: Korbinian Wiegers

Die Jagd beginnt

Das ruft Hugo Nogueira Martins auf den Plan. Der gebürtige Portugiese arbeitet seit vier Jahren für das Traditionsunternehmen, das seit 1869 in Nürnberg Schädlinge bekämpft. Im Hotel wendet er das Wärmentwesungsverfahren an. „Der Raum wird mit einer Maschine auf circa 60 Grad Celsius erhitzt. Bei dieser Temperatur dauert es nur zehn bis fünfzehn Minuten, bis die Eiweiße in den Körpern und Eiern der Insekten zerfallen. Das verwenden wir, damit wir keine Insektizide einsetzen müssen.“ Er erklärt auch, dass die Bettwanzen langsam Immunitäten gegen diese Insektizide entwickeln, zum Beispiel gegen Pyrethrin, ein Gift, das aus Chrysanthemen gewonnen wird. Und den Kunden sei weniger Gift natürlich auch lieber, gerade bei Hotels.

Vor der Behandlung untersuchen die Kammerjäger das Zimmer noch auf Spuren. In diesem Fall finden sich aber keine, weder die Wanzen selbst noch Eier oder Kot, der, sagt Martins, so ähnlich aussieht wie Kaffeepulver. Das Hotelpersonal hat jedoch eines der toten Tiere gefunden. Deshalb bereiten die Kammerjäger das Zimmer für den Einsatz des Geräts vor. Sie drehen die Matratze um, verschieben die Möbel und ein Hoteltechniker schneidet ein Loch in eine der Wände, damit die erwärmte Luft sich auch in deren Innerem verbreiten kann. Dann bringen sie das etwa 9000 Euro teure Gerät in den Raum. Es ist hellorange, etwa so groß wie ein Briefkasten und wiegt ungefähr 80 Kilogramm. Laut dem Hersteller ThermoNox lassen sich diese Maschinen auch zur Beseitigung von Motten, Reismehlkäfern und Holzböcken verwenden.

So sieht das Innenleben des Geräts zur Wärmeentwesung aus. Foto: Korbinian Wiegers

24 Stunden Hitze

Da das Gerät Starkstrom benötigt, legen die Fachleute von Angermeiers Schädlingsbekämpfung noch eine entsprechende Leitung in den Raum. „Wir hatten mal einen Kollegen, der hat das Kabel um die Maschine gewickelt gelassen. Das wirkte wie eine Spule und es gab einen Kurzschluss“, erzählt Martins. Der Energieverbrauch für eine komplette Entwesung liegt laut ThermoNox bei zwei bis vier Kilowattstunden für jeden Kubikmeter Raum. Dann verteilen die Kammerjäger noch Thermometer im Raum, zur Überwachung und Regulierung der Temperatur, und schalten das Gerät ein. Ein lautes Brummen ertönt und ein Geruch, der an einen Föhn erinnert, füllt das Zimmer. Anschließend dichten die Profis es mit Folien und Klebeband so gut es geht von außen ab, um die Wärmeentwicklung im Inneren nicht zu behindern. Die ganze Behandlung soll etwa 24 Stunden dauern. „Morgen überprüfen wir, ob die benötigte Temperatur im Zimmer erreicht worden ist. Wenn nicht, lassen wir das Gerät in der Regel noch eine weitere Nacht laufen“, sagt Martins.

Das Zimmer wird von außen abgedichtet, um die Wärmeabfuhr zu reduzieren. Foto: Korbinian Wiegers

Dieses und andere Verfahren setzen Schädlingsbekämpfer ein, um die Verwendung von Giften zu reduzieren. „Ein anderer Weg ist der Einsatz von Schlupfwespen. Die zerstören die Eier von Motten und sterben dann nach einiger Zeit selbst ab“, erklärt Tomor Zyla. Der 19-Jährige befindet sich im dritten Jahr seiner Ausbildung zum Schädlingsbekämpfer. Eine weitere Möglichkeit, erläutert er, sei, giftfreie Stoffe in die Dachstühle zu sprühen. So werden beispielsweise dort eingenistete Marder vertrieben, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen.

Aber das ist nicht überall möglich. Kleine Nagetiere wie Mäuse oder Ratten bekämpfen Kammerjäger meist, neben den klassischen Schlagfallen, mit sogenannten Antikoagulanzien. Diese Gifte sind umstritten, da sie zu inneren Blutungen führen und nur schlecht in der Umwelt abbaubar sind. Zyla sagt auch, dass die umweltfreundlichste Alternative zu diesen Giften wohl eine Katze sei.

Risikominderungsmaßnahmen

Seit dem 1. Januar 2013 gelten sogenannte Risikominderungsmaßnahmen (RMM) für Biozide mit Antikoagulanzien Wirkstoffen. Diese zugelassenen Gifte schränken, laut dem Umweltbundesamt, die Blutgerinnung bei den Tieren ein, weshalb sie meist drei bis sieben Tage später an inneren Blutungen sterben. Durch diese Verzögerung können die Tiere keine Scheu vor den vergifteten Ködern entwickeln. Da viele der Schädlinge auch Beutetiere sind, kann es zu sogenannten Sekundärvergiftungen kommen. Die von der Zulassungsbehörde für Biozide in Deutschland veröffentlichten Maßnahmen sollen die Risiken, die diese Toxine für Umwelt und Wildtiere bedeuten können, minimieren. Beispielsweise dürfen Nutzer diese Gifte nur in zugriffsgeschützten Köderstationen ausgelegen und müssen diese in vorgegebenen Intervallen kontrollieren. Auch das vorbeugende Auslegen dieser Köder ist nur in besonderen Fällen erlaubt, zum Beispiel, wenn von Schädlingen an diesem Ort eine akute Gefahr für den Menschen ausgehen würde.

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