Der Traum vom Weltrekord

Nicht selten spüre ich die anerkennenden, zuweilen mit Neid versetzten Blicke meiner profanen Brüder, wenn sie von Monteuren durch das Werk transporiert werden.

Viele sind es geworden, denn mittlerweile erfreuen sich die Motorräder der Nürnberger Motorradschmiede Zündapp großer Beliebtheit. „Robust und zuverlässig“: Mit dieser Qualität hat sich mein Haus einen Namen gemacht. Ein Ruf, der natürlich nicht zuletzt uns Motoren zu verdanken ist.

 

Zündapp Weltrekordmotor, Foto Tim Neiertz

Die Boxeranordnung der Zylinder besticht durch einen niedrigen Schwerpunkt. Foto: Tim Neiertz

Zugegeben, manchmal verleitet es mich zu Tagträumereien von frischem Fahrtwind und kurvigen Landstraßen, wenn ich sehe, wie meine Serienkollegen an ihre Getriebe geflanscht werden. Kurz darauf werden sie mit einem Rahmen vermählt und auf eigenen zwei Rädern rollend, verlassen sie das Werk. Ich kann das gut beobachten: Von meinen leicht erhöhten Regalplatz in der Versuchswerkstatt lässt sich vorzüglich runter auf die Serienproduktion schauen. Unbeschwert, fröhlich jauchzend klingt es, wenn ihre 200, 500, manchmal auch fast 800 Kubikzentimeter fassenden Lüngchen das erste Mal mit einem Benzin-Luft-Gemisch durchströmt werden und ein Testfahrer sie zu einer Spritzfahrt durch die Fränkische Schweiz ausführt. Vielen von ihnen würde die notwendige Disziplin fehlen, um der Aufgabe gerecht zu werden, für die man mich auserkoren hat. Vom Hubraum ganz zu schweigen. Fokusiert muss ich bleiben, um den lange gehegten Traum meiner Konstrukteure wahr werden zu lassen. 

 

Zündapp Weltrekordmotor, Foto Tim Neiertz

Mit Kompressoraufladung wollte Zündapp BMW die damaligen Motorradweltrekorde streitig machen. Foto: Tim Neiertz

 

Im Jahr 1937 erreichte Ernst Henne mit seiner vollverkleideten BMW WR500 auf der Autobahn 5 eine Spitzengeschwindigkeit von 279,50 km/h und holte somit den Weltrekord erneut nach München. Seit den ersten Strichen auf dem Reißbrett haben die Ingenieure die Hoffnung, mit mir endlich die BMW-Dominanz zu brechen. Neben dem Geschwindigkeitsweltrekord soll ich natürlich auch etwas Glanz und Prestige in die Nürnberger Zündapp-Werke holen. Zuweilen spüre ich etwas Eifersucht in den Mienen der anderen Motoren, wenn im Konstruktionsbüro wieder über alle möglichen Rekordvorhaben diskutiert wird. Wahrscheinlich erwächst sie aus der Tatsache, dass ein Weltrekord aufregender und bedeutungsvoller ist als bloße Zuverlässigkeit. 

 

Zündapp Weltrekordmoto, Foto Tim Neiertz

Der Antrieb der oben liegenden Nockenwellen erfolgt über sogenannte Königswellen. Foto: Tim Neiertz

 

Gewisserweise bin ich schon immer ein Einzelänger gewesen. Vielleicht ein Schicksal, das jedes Unikat ereilt? Die Konstrukteure haben mich auf Maximalleistung getrimmt und dafür alle technischen Register gezogen. Aus meinem strammen Rumpf recken sich vier Zylinder in Boxeranordnung, umhüllt von einem üppigen Kühlrippenkleid. Gut 30 zusätzliche PS habe ich einem mächtigen Kompressor zu verdanken, der verdichtete Luft in meine halbkugelförmigen Brennräume pumpt. Meine obenliegenden, dreifachgelagerten Nockenwellen werden für äußerst exakte Steuerzeiten über sogennante Königswellen angetrieben. Nur so sind beeindruckende Drehzahlen bis zu 7500 u/min möglich. Rechnerisch könnte ich es schaffen, die 300 km/h-Marke zu knacken. Einige meiner Konstrukteure erhoffen sich eine Leistung von 125 PS, aber ich bin überzeugt bei kommenden Prüfstandläufen noch einiges zulegen zu können.

 

Düstere Zeiten

Ich bin mir sicher, dass die Versuchsläufe bald fortgesetzt werden. Zurzeit werde ich immer seltener von meinen Konstrukteuren besucht. Wahrscheinlich sind sie damit beschäftigt, einen passenden Rahmen für mich zu konstruieren. Er muss besonders robust ausgelegt sein und eine möglichst windschlüpfrige Verkleidung tragen können, damit ich den Weltrekord heimfahren kann. Etwas unruhig stimmt mich allerdings ein Gespräch, das ich vor kurzem aufschnappen konnte. Von einem „überschweren Gespann“ war die Rede. Klar, ein Kraftpaket wie ich es bin, darf nicht von einem Serienrahmen getragen werden – viel zu instabil.  Allerdings sollte er nicht zu massiv dimensioniert sein. Bei einer Rekordfahrt zählt jedes Kilo. Eine elegante Rohrkunstruktion würde zudem meinen wohlgeformten Kühlrippen und Zylinderköpfen viel eher schmeicheln. 

Zündapp Weltrekordmotor, Foto Tim Neiertz

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zwang Zündapp dazu, die Bemühungen nach dem Weltrekord aufzugeben.  Foto von Tim Neiertz

 

Seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hat sich viel verändert in unserem Werk. Alle Konstrukteure sind rund um die Uhr damit beschäftigt, das KS 750-Gespann für die Massenproduktion zu optimieren. Das sogenannte „überschwere Wehrmachtsgespann“ soll sich durch eine besonders robuste Konstruktion und eine hohe Nutzlast auf und zwischen den Schlachtfeldern bewähren.

Als Dauergeschwindigkeit schafft das KS 750 gerade mal 60 km/h. Manchmal fühle ich mich nur noch fehl am Platz. Meinen Sitz in der Versuchswerkstatt im großen Regal musste ich vor kurzem räumen. Stattdessen hocke ich nun in einem umfunktionierten Ersatzteileregal zwischen ausgemusterten Reservetanks und den Gebeinen geschlachteter Serienmotoren. Eine Schicht aus Staub und Ölpartikel hat sich an meinen Kühlrippen festgesetzt und Konstrukteure sehe ich nur noch, wenn sie gestresst vorbeirennen. Zumindest eines habe ich aufgeschnappt: Allem Anschein nach konnte man BMW diesmal eins auswischen. Die Zündapp-Prototypen haben die Wehrmacht im Geländeeinsatz am meisten überzeugt. Dementsprechend stolz klingt der Leitsatz, der fortan alle Broschüren prägt: „Zündapp, zuverlässig an allen Fronten“.

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