Xenophilie für Fortgeschrittene

Xe·no·phi·lie

/Xenophilié/

Substantiv, feminin [die]

Fremdenliebe, Vorliebe für Fremde

 

Fremde Länder bereisen oder doch lieber die Umwelt schützen? Heutzutage hat jeder die Wahl. Flüge sind so billig wie nie und die Reiselust junger Menschen hat einen Höhepunkt erreicht. Soziale Medien leben von Reiseberichten, Blogger und Influencer leben vom Reisen berichten. Man sehnt sich nach der Ferne, liebt die Fremde. Oder den Fremden?

Bis vor einem Jahr war ich nie außerhalb Europas, wollte aber immer nach Südamerika. Ich wollte die Kultur dort kennenlernen und Unbehagen, geschürt von Verwandten und Bekannten, fegte ich schnell unter den Teppich. Ich wollte mir ja schließlich bald ein eigenes Bild machen. Mutig habe ich mein Geld gespart, um nach dem Abi nach Chile zu fliegen. Nur um dann einen Rückzieher zu machen, weil ich Angst hatte, nicht genug gespart zu haben. Stattdessen beruhigte ich meine Reiselust vorerst in Europa.

Vor zwei Jahren habe ich meinen jetzigen Freund kennengelernt, als er für drei Monate durch Europa war. Er kommt aus Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Sie hat über zehn Millionen Einwohner und ist damit eine der größten Städte Südamerikas. Der Luftdruck in der Stadt ist für uns Flachlandeuropäer ungewohnt niedrig, da sie auf knapp 2500 Metern über dem Meer liegt. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist in der Stadt enorm groß. Circa eine Million Menschen leben in der Cíudad Bolívar, den Favelas im Süden der Stadt. Seit den 1950er Jahren herrschte im Land ein Bürgerkrieg zwischen staatlichem Militär, Guerillas und Paramilitärs. Drogenhandel, Korruption, Entführungen und Gewalt war vor allem in den ländlichen Gegenden alltäglich und prägte die Bewohner stark, teilweise bis zu Vertreibung und Flucht. Lösegelderpressungen bei Entführungen dienten für die Guerillas als eine finanzielle Stütze.

2016 wurde ein Friedensvertag zwischen den Parteien abgeschlossen und die Lage hat sich seitdem etwas entspannt. Auch in den ruralen Gebieten ist es mittlerweile sicherer als früher. Der Tourismus im Land blüht, vor allem an der Karibikküste, die einen starken kreolischen Einfluss hat.

Die karibische Küste bei Cartagena ist nicht nur bei den Kolumbianern ein beliebtes Reiseziel.  Foto: Linda Blendinger

Das Land ist jedoch gespalten: Aufgrund seiner Geschichte leben immer noch viele Kolumbianer in Angst, da die schrecklichen Anschläge und Massaker noch nicht lange her sind und auch noch nicht vorbei: Erst im Januar wurden bei einem Anschlag auf eine Polizeischule mindestens 21 Menschen getötet, viele weitere verletzt. Die Menschen in Kolumbien leben mit dieser aktuellen Vergangenheit. Manche sprechen mehr darüber, manche weniger. Die Generation der Eltern meines Freundes ist damit aufgewachsen. Verwandte wurden entführt, Bombenexplosionen in der Innenstadt aus nur wenig Entfernung miterlebt. Sie mahnten uns immer zu Vorsicht bei Ausflügen, nicht mit dem Zeigefinger erhoben, dabei eher sich selbst beruhigend.

Meine Familie war begeistert, als ich ihnen von meinem neuen Freund erzählte, weniger begeistert, als ich ihnen daraufhin meine Reisepläne unterbreitete. Sie hatten das Bild eines Landes im Kopf, das in den Medien nur von Angst und Schrecken unter der Bevölkerung erzählt. Im erz-katholischen Niederbayern liebt man die Fremde eben etwas weniger.

Viele Häuserfassaden sind kunstvoll bemalt, nicht nur an den großen Stadtautobahnen. Foto: Linda Blendinger

Als ich mit meinem Ersparten in den Semesterferien zum ersten Mal nach Kolumbien flog, ließ der erste Kulturschock nicht auf sich warten. Nachdem mein Freund mich vom Flughafen abholte und die letzten fünf Monate ohne einander vergessen waren, standen wir an der Ampel. Wegen des ungewohnt niedrigen Luftdrucks saß ich mit wasserfallartigem Nasenbluten auf dem Beifahrersitz. Plötzlich kam ein Mann mit einer armlangen Eisenstange in der Hand auf das Auto zu und begann, wild auf die Reifen zu schlagen. Zwischendurch blickte er immer wieder mit aufgerissenen Augen durch die Fenster. Mein Freund kurbelte das Fenster herunter, nahm zum Dank für die Reifendruckprüfung ein paar Münzen aus der Mittelkonsole und drückte sie ihm mit den Worten „Gracias Señor, buenas noches“ in die Hand.

In diesen Seen im Nationalpark Chingaza soll angeblich der berühmte Goldschatz „El Dorado“ versteckt sein. Foto: Linda Blendinger

 

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