Berlin 1900: Eine Stadt voller technischer Wunder

Der Brief eines technikbegeisterten Studenten in Berlin geht an seine Familie im Jahr 1900 zur Zeit des deutschen Kaiserreiches. Dabei berichtet er von knatternden Höllenmaschinen und einem Wunder namens Elektrizität.

Berlin, 1. September 1900

Liebe Mutter, liebes Schwesterchen Rosa!

Ich hoffe, es geht Euch gut. Wie versprochen, schicke ich Euch einen Brief aus der Großstadt Berlin. Ich muß schon sagen, ich bin überwältigt von der Stadt. Jeden Tag entdecke ich neue technische Wunder, die ich in unserer Heimat in Pommern noch nie gesehen habe und die mich immer wieder aufs Neue faszinieren. Bereits nach meiner Ankunft mit der Eisenbahn brachte mich der Anblick von Berlins Straßen zum Staunen. Die Straßen sind voll von Menschen und Kutschen, von denen manche nicht einmal ein Pferd zum Fortbewegen benötigen. Es gibt auch sogenannte Straßenbahnen: mehrere Wagons hintereinander, die ohne Pferde auf den Straßen fahren.

Eine geisterhafte Kraft

Einer der ersten Straßenbahnen Berlins. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

Ich hatte die Möglichkeit, mit so einer Straßenbahn zu fahren, um Onkel Karl in Berlin-Dahlem zu besuchen. Onkel Karl hat mir erzählt, daß die Straßenbahn einen Großteil des Personentransports regelt. Sie fährt mithilfe einer geisterhaften Kraft, die Elektrizität oder Strom genannt wird. Dieser Strom befindet sich offenbar in einem Kabel über der Straßenbahn und fließt über einen langen Metallstab, die Antenne, in das Fahrzeug. Einigen Passagieren schien die Bahn nicht geheuer zu sein. Sie beklagten sich über die zu hohe Geschwindigkeit von etwa 30 Kilometer pro Stunde, die einem die Sinne rauben solle. Ich jedenfalls hatte ich mit der Geschwindigkeit der Bahn keine Probleme und bin deshalb schneller als erwartet bei Onkel Karl angekommen.

Von ihm und Tante Anna soll ich Euch herzliche Grüße ausrichten. Ihr Haus in der Stadt ist nicht besonders groß, aber sehr prächtig gebaut. Onkel Karl lachte nur über meine ersten Eindrücke der Stadt und meinte, daß es für jemanden, der auf dem Land aufgewachsen sei, bestimmt völlig ungewohnt sein müsse, so viel Technik um sich zu haben. Aber er erzählte mir auch, daß er genügend Menschen kenne, die mit der neuen Technik überfordert und bisweilen große Feinde dieses Fortschritts seien. Laut Tante Anna sei dieses Mißtrauen auch nicht unbegründet. Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten käme es auf den Straßen immer wieder zu gräßlichen Unfällen mit vielen Toten.

Die knatternde Höllenmaschine

Trotzdem hat sich Onkel Karl selbst ein sogenanntes Automobil zugelegt. Eine kleine, vierrädrige Kutsche mit zwei Sitzen. Das Gefährt bewegt sich ganz von allein und benötigt keine Pferde. Dabei soll es stark wie drei Pferde sein. Ein Motor und etwas Treibstoff treiben es an. Tante Anna kann das Gefährt nicht ausstehen und nennt es nur die „knatternde Höllenmaschine“. Es gibt übrigens auch größere, öffentliche Automobile, sogenannte Omnibusse. Diese Fahrzeuge der Allgemeinen Berliner Omnibus Actien-Gesellschaft funktionieren wie die Straßenbahnen mit Elektrizität, haben aber keine Antennen oder Kabel über der Straße. Die Elektrizität kommt allein aus einem Kasten, dem sogenannten Akkumulator. Er treibt die Omnibusse im Schritttempo an. Onkel Karl meint, das habe keine Zukunft.

Aber zurück zur Führung durch Onkel Karls neues Haus. Das Automobil ist bei weitem nicht das Interessanteste dort. Als es dunkel wurde, zeigte er mir noch weitere Wunder der Technik, die mit Elektrizität angetrieben werden. Ihr würdet mir nicht glauben, was man mit dieser geisterhaften Kraft alles anrichten kann. Die Elektrizität kann auch ein Bügeleisen erhitzen, damit das Dienstmädchen Onkel Karls Hemden bügeln kann. Außerdem lässt sich mit sogenannten Glühbirnen Licht erzeugen, welches viel heller ist als das von Kerzen oder Öllampen.

Die Nacht wird zum Tag

Zeichnung einer früheren Glühlampenkonstruktion nach Edison. Foto: Vivien Hermanns

Eine Glühbirne sieht aus wie eine Kugel aus Glas mit einem glühenden Draht innen. Dieses neuartige Licht läßt in einigen Straßenzügen mit elektrisch betriebenen Laternen die Nacht zum Tag werden, zum Beispiel am Potsdamer Platz. Onkel Karl meinte dazu, daß sich die Stadt eben in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert habe. Er hat die ganzen Veränderungen miterlebt und gesehen, wie sehr die Glühbirnen die Menschen fasziniert haben. Tante Anna betonte, daß es zu Beginn sehr viele Unfälle gab, wie zum Beispiel Hausbrände. Hier seht Ihr eine Zeichnung der Glühlampe.

Diese unsichtbare Elektrizität wird in sogenannten Kraftwerken erzeugt, welche die gesamte Stadt versorgen. Davon geht ein Großteil an die Straßenbahnen. Onkel Karl sagte mir auch noch, daß Elektrizität im Haushalt noch eine Seltenheit sei und daß er zu den wenigen Glücklichen gehöre, deren Einkommen ausreicht, sich einen Anschluß an das Stromnetz leisten zu können. Tante Anna meinte, daß Onkel Karl eben ein tüchtiger Mann sei und seine Fabriken überall bekannt seien.

Hilfe vom Fräulein vom Amt

Beeindruckend ist auch Tante Annas Telefon. Mit diesem neuartigen Gerät ist sie in der Lage, mit Bekannten in anderen Städten zu telefonieren und nicht nur innerhalb von Berlin. Onkel Karl sagte, daß es seit kurzem sogar möglich ist, Ferngespräche zwischen Berlin und Paris zu führen. Das Telefon ist ein schwarzes Kästchen mit einer Kurbel und einem Hörer. Damit kann Tante Anna beim „Fräulein vom Amt“ anrufen. Diese verbindet das Gespräch mit dem Telefon einer von Tante Annas Freundinnen. Onkel Karl findet das sehr amüsant. Er sagt, Tante Anna könne ja eigentlich kurz zu ihren Freundinnen hinüberlaufen, anstatt so viel Geld für Telefongespräche auszugeben. Tante Anna findet aber, das zieme sich nicht mehr für eine Frau ihres Ranges.

Am Sonntag will mir Onkel Karl unseren Kaiser zeigen. Zuerst war ich ein wenig verwirrt, aber er erklärte mir, daß sich Kaiser Wilhelm II gerne bei schönem Wetter in der Öffentlichkeit präsentiere. In den Zeitungen sind ständig Nachrichten und sogar Bilder vom Kaiser. Dort stehen auch Meldungen, wann sein nächster Ausflug anstehen soll.

Das Telegramm

Ein kleiner Junge empfängt ein Telegramm. Foto: Pixabay (Gemeinfrei)

Kurz bevor ich mich wieder auf den Weg zurück ins Verbindungshaus machen wollte, kam einer von Onkel Karls Dienstboten. Er brachte ein dringendes Telegramm aus München, das er von dem nahen Rohrpostamt mitgebracht hatte. Tante Anna meinte, daß viele Telegramme inzwischen vom Haupttelegrafenamt durch ein großes Rohrpostsystem innerhalb der Stadt verschickt werden würden. Onkel Karl erklärte mir auf die Frage nach der Rohrpost, daß das eine Möglichkeit sei, Briefe, Telegramme und sogar kleine Pakete mit Luftdruck durch Rohrleitungen quer unter Berlin durch zu senden. Diese Leitungen würden immer weiter ausgebaut und Berlin immer besser vernetzt werden.

Da Onkel Karl mir für jede technische Entwicklung eine gute Erklärung parat zu haben schien, fragte ich ihn noch, wie denn ein Telegramm funktionieren würde. Er schien überrascht über diese Frage, erklärte mir jedoch, daß eine Nachricht zuerst von Angestellten des Telegrafenamts in eine Art Sprache aus kurzen und langen Tönen übersetzt würde. Diese Töne würden als elektrische Signale über lange Kabel zwischen den Städten und deren Haupttelegrafenämtern verschickt und dort wieder in deutscher Sprache niedergeschrieben. So erhält Onkel Karl geschäftliche Nachrichten aus den verschiedensten Städten.

Nach all diesen neuen Dingen war ich recht erschöpft, aber ich wollte Euch unbedingt davon berichten. Ich vermisse Euch jetzt schon. Bald beginnt mein Studium und bis dahin werde ich Euch so oft wie möglich schreiben.

Bleibt gesund und macht Euch keine Sorgen um mich!

Euer Jakob

 

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