Petersplatz Vartikanstadt

Die Ehefrau im alten Rom

Der Brief einer Römerin an ihren Mann, der in der Antike an den Reichsgrenzen stationiert ist. Sie berichtet von den Bildungsinteressen ihrer Kinder und den gefährlichen Straßen Roms.

Rom, 300 n. Chr.

Mein geliebter Ehemann,

die Reichskrise ist nun schon so lange vorbei und doch bist Du noch ständig über den gesamten Mittelmeerraum unterwegs. Kaiser Konstantin wird seit der Schlacht an der Milvischen Brücke völlig verrückt und hat nun das Christentum als eine ganz eigene Religion anerkannt und eingebürgert. Kaum zu glauben. Vor einem Jahrzehnt hat man diese Anhänger noch verfolgt und getötet und jetzt? Nicht-Christen müssen zahlreiche Nachteile erfahren, zum Beispiel, daß sie nicht mehr in den Senat aufgenommen werden, weshalb ich die Kinder nun auch in diesem seltsamen Glauben erziehe. Ich denke, daß der  Kaiser das sowieso nur aus Eigennutz macht, um den Großteil der Bürger auf seine Seite zu ziehen.

Bildung um 300 n. Chr.

Ach ja, die Kinder: Beide machen sich sowohl in Latein als auch in Griechisch sehr gut. Sie zeigen mir öfter die Mitschriften auf ihren Wachstäfelchen. Leider hält sich Lucius Ehrgeiz in Grenzen, weshalb schon oft unser Paedagogus mit Prügeln nachhelfen musste, so daß unser Sohn brav zur Schule geht. Ich habe das Gefühl, er ist etwas gelangweilt von der zweiten Schulstufe, grammaticus. Er ist so sehr an Philosophie interessiert und möchte unbedingt einmal nach Athen oder besser Alexandria gehen, wo er Mathematik, Physik, Architektur und Ingenieurkunst lernen kann. Schade, daß es bei uns in Rom nicht die Möglichkeit für eine solche Laufbahn gibt.

Prima würde auch so gerne weiter zur Schule gehen. Allerdings hat sie ludus, die erste Schulstufe, nun bald abgeschlossen, weshalb sie danach besser zu Hause das Wollespinnen und häusliche Arbeiten erlernen soll. Das muss sie ja schließlich bald alles können, wenn wir sie verheiraten wollen. Sie ist immerhin schon zwölf Jahre alt und somit eine richtige, junge Frau. Titus scheint mir ein geeigneter Anwärter zu sein.

Domus und insula

Antike Ruinen in Rom

Antike Ruinen in Rom. Foto: Vivien Hermanns

Seine Familie ist sehr wohlhabend und besitzt eines der wenigen domus, die in der Stadt noch übrig sind. Er hat das Atriumhaus in der letzten Zeit um einen Peristylanbau erweitert. Nun steht ein Säulengarten um das Haus herum, die Wohnung ist besonders gut geschützt und dank des Atriums in der Mitte auch hell erleuchtet. Außerdem gibt es wegen der Öffnung im Dach auch noch stets Regenwasser. Als ob der private Brunnenanschluss nicht genug ist. Prima würde es dort in einem so großen, luxuriösen Domizil sicher gut gefallen, aber das entscheidest als pater familias letztendlich Du.

Unsere geräumige Wohnung in der insula gefällt mir auch sehr gut, allerdings verfällt das Gebäude langsam und es sind in letzter Zeit häufiger ganze Wohnblocks abgebrannt oder eingestürzt. Stehen diese Gebäude einmal, werden nur noch Mieteinnahmen damit gemacht und keiner kümmert sich danach mehr darum. Außerdem wohnen ab der zweiten bis dritten Etage nur so arme Leute in ihren Einzelzimmern mit einer Sammelküche, die das ganze Haus hinabsteigen müssen, um an fließendes Wasser zu kommen und außerdem ihre Hinterlassenschaften einfach aus dem Fenster werfen. Das finde ich beschämend.

Sägemühlen in einer lauten Stadt

Skizze einer Sägemühle Anja Christ

Skizze einer Sägemühle von Hierapolis. Skizze und Foto: Anja Christ

Bald sollen Häuser und Straßen sogar noch schneller und besser gebaut werden können. Ich habe von einer Sägemühle gehört, die sich nicht nur drehen kann. Scheinbar sollen eine sogenannte Pleuelstange und Kurbelwelle helfen, die Drehbewegung der Mühle in eine Schubbewegung umzusetzen, was ein einfaches Schneiden von Stein ermöglichen soll.

Die Stadt wird immer lauter. Man hört von einer seltsamen, neuen Religion, veraltete Nutzviecher durch die Straßen schreien, die ihre letzten Tage damit zubringen, Getreidemühlen anzutreiben. Die Schmieden stehen niemals still. Militär, Landwirtschaft, Handwerk, Medizin und Baugewerbe brauchen mittlerweile für alle erdenklichen Werkzeuge, Waffen, Gerätschaften und sonstigen Erzeugnisse Metall. Trotz des guten Abwassersystems stinkt es hier. Ich werde dieser Stadt einfach langsam müde.

Deshalb möchte ich mit Dir eine villa urbana auf dem Land suchen, sobald Du wieder zu Hause bist. Mittlerweile ist jede Provinz über unsere gut ausgebauten Straßen erreichbar und fließend Wasser gibt es dank der Aquädukte auch in Hülle und Fülle. Ein reines Wohnhaus für unsere letzten Tage mit luxuriöser Ausstattung. Nah an Rom und trotzdem ruhig und gemütlich. Zum Glück haben wir genügend Geld, uns all diese Annehmlichkeiten leisten zu können. Was hältst Du davon? Wir können das dann besprechen, wenn Du endlich wieder zu Hause bist.

Gefährliche Straßen

Ruinen in Rom dazwischen eine Straße

Palatinruinen in Rom. Foto: Vivien Hermanns

Sieh zu, daß Du Dich für den Weg einem besonders reichen Landsmann anschließt. Die haben Straßenkarten und außerdem ihre ganze Gefolgschaft dabei – inklusive eigener Gladiatoren und Leibwächter. Auch wenn ihre Karren mit den Eisenrädern immer so laut und nervig klappern: Allein wirst Du hier niemals ankommen. Dafür sind zu viele Straßenräuber unterwegs. Den Gaul solltest Du den ganzen Weg auch lieber auf dem Seitenstreifen laufen lassen. Die Straße ist zu hart und wetzt seine Hufe zu sehr ab, bevor sie nachwachsen können. Ein Gelehrter könnte sich einmal Gedanken um Schuhe für Pferde machen, das wäre sicher nützlich.

Jedenfalls warst Du ohnehin schon viel zu lange für die kaiserlichen Legionen unterwegs. Ich bekomme langsam große Sorge, daß das römische Reich die vielen, weiträumigen Grenzen nicht mehr halten kann. Die Germanen sollen mittlerweile auch äußerst gute Streitmächte besitzen. Umso besser, daß Du nun für den Ruhestand zurückkommst.

Deine Ehefrau Tullia

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