Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

In einem Brief an die Eltern berichtet ein Student aus München von seinen Eindrücken nach dem Zweiten Weltkrieg. Er schreibt ihnen von der Modernisierung der Küche, vom Farbfilm und seinem technikaffinen Professor.

München im November 1950

Lieber Vater, liebe Mutter,

ich habe mich gut in München eingelebt und bin wohlauf. Ich hoffe, Euch geht es auf dem Land auch gut. Die Vorlesungen an der Universität sind sehr spannend und lehrreich und, ja Mutter, ich passe auch gut auf.

Mittlerweile habe ich ein Zimmer gefunden. Mein Professor hat mir ein Zimmer in seiner Wohnung vermietet und durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes kann ich mir dieses auch leisten. Er hat mir auch seine Schreibmaschine für diesen Brief zur Verfügung gestellt, sodaß Ihr einen längeren Brief erhaltet. Die Stadt München ist mit ihren Gebäuden und Straßen noch vom Krieg gekennzeichnet, genauso wie die Universität, aber so langsam wird die Stadt wieder aufgebaut. Am Samstag nach der Vorlesung helfe ich beim Wiederaufbau. Da viele Wohnungen und Häuser zerstört sind, war es sehr schwierig, ein Zimmer zu bekommen, das als Student bezahlbar ist.

Anders als zuhause bei Euch auf dem Land, wo man sich bei der einen Wäscherei im Ort voranmelden muss, gibt es hier im Hauskeller eine Waschküche mit einer Waschmaschine. In der Pension, in der ich übergangsweise untergekommen war, mußte ich meine Wäsche noch von Hand waschen.

Die neue Art von Küche

Küche um 1950. Foto: Queensland State Archives (Gemeinfrei)

Als ich neulich bei meinem Studentenkollegen auf Besuch war, hat er mir die Wohnung seiner Familie gezeigt. Da sein Vater gut verdient, haben sie sogar einen Kühlschrank in der Küche stehen. Sie können jetzt Fleisch und Milch für mehrere Tage kaufen, ohne daß das schlecht wird. Ihr könnt Euch das so ähnlich vorstellen wie Euer Kartoffelkeller, nur daß der Kühlschrank so kalt wie eine Nacht im Frühling ist. Jetzt muß die Mutter meines Studienkollegen nicht mehr täglich einkaufen und anscheinend macht sie jetzt auch nicht mehr so viel Obst und Gemüse ein.

Für das Putzen und Saubermachen verwendet sie einen Staubsauger. Mit dem Rohr kann sie so einfach den Staub und Schmutz einsaugen. Das heißt, der Teppich muß nicht mehr zusammengerollt und vor die Tür getragen werden, um ihn dort auszuklopfen. Die haben jetzt schon einen sehr hohen Lebensstandard. Und meine Studienkollege hat mir erzählt, daß die Geschäfte seines Vaters richtig gut laufen. Ich weiß nicht, ob Ihr das bereits mitbekommen habt, da Ihr ja viel draußen auf dem Feld seid, aber in Korea ist der Krieg ausgebrochen und da die Bundesrepublik Deutschland keine Waffen herstellen darf, versorgen wir jetzt den Weltmarkt mit Verbrauchsgütern. Und daher kommen die guten Geschäfte seines Vaters, meint er.

In der Küche des Professors steht ein kombinierter Herd. Das heißt, er kann mit Gas oder mit Kohle und Holz heizen. Im Winter wird die Küche durch die Verwendung von Kohle und Holz mit erwärmt und im Sommer ermöglicht der Gasherd dann aber keine aufgeheizte Küche. So ein kombinierter Herd hat auch die Familie von meinem Studentenkollegen, nur daß auf deren Herd anstatt mit Gas elektrisch gekocht wird. Das war erst einmal Neuland für mich, da wir zuhause ja nur einen Kohleofen besitzen, mit dem wir gleichzeitig kochen, backen und heizen.

Ich kann also ganz froh sein, wo ich untergekommen bin. Denn ein anderer Student erzählte mir, daß es in seiner Unterkunft keinen elektrischen Strom gibt und daß er für das Licht nur eine Petroleumlampe besitzt. Kochen kann er auf einem kleinen Ofen wie unserer zuhause, nur viel kleiner. Dabei ist er froh, daß er überhaupt einen kleinen Ofen hat. Seine Wäsche schrubbt und wäscht er von Hand in der Badewanne, die von alle Hausbewohnern verwendet wird.

Leukoplastbomber und Schallplatten

Lloyd LP300 (Leukoplastbomber) 1950-53. Foto: Andrew Bone (Gemeinfrei)

Um zur Universität zu kommen, verwende ich ein altes Fahrrad. Hier in München würden auch die Straßenbahnen fahren, aber das rechnet sich für meine tägliche Strecke nicht. Wenn ich Euch in den Ferien besuchen komme, dann werde ich mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren, dann in den Zug einsteigen und das letzte Stück zu Euch mit dem Postbus fahren. Der Professor besitzt ein Automobil, einen Lloyd 300. Dieser wird auch „Leukoplastbomber“ genannt, da er aus einem Holzgerippe besteht und dann mit Kunstleder überzogen ist. Ich habe Euch in den Brief ein Bild von einem Lloyd 300 gesteckt.

Das ist anscheinend ein noch recht preiswertes Automobil im Vergleich zum Volkswagen. Aber die meisten Fahrzeuge zum Personentransport auf der Straße sind keine Automobile, sondern Motorräder. Denn Automobile können sich nur die reicheren Leute leisten. Aber abgesehen von den Motorrädern und Automobilen sind auch einige Lastwagen unterwegs. Die beliefern die Industrie wie auch die Läden.

Abends darf ich dem Professor Gesellschaft leisten. Dann sitzen wir in seiner Küche und hören die Hörspiele im Radio oder Musik von seinen Schallplatten. Aber das kennt ihr ja. Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie wir Anfang dieses Jahres abends zusammen in der Küche saßen und die Nachrichten hörten. Dieses Jahr haben die Landesrundfunkanstalten eine Errichtung der „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ vereinbart.

Der erste Farbfilm nach dem Krieg

Ein Amerikaner hat gemeint, es wird gemunkelt, daß auch bald hier in München die Fernseher laufen werden. Da wir zuhause nie einen Fernseher hatten, habe ich ihn dann auch gefragt, was er damit meint. Er hat nur gesagt, daß ich mir das so vorstellen müßte, wie das Kino, nur von zuhause aus. Anscheinend ist das ein Kasten, in dessen Mitte ein Bildschirm ist, ähnlich wie im Kino. Habt Ihr schon einmal irgendwo einen Fernseher gesehen? Den hatte es anscheinend schon vor dem Krieg gegeben. Und die älteren Professoren erzählen, daß es sich der Situation der Vorkriegszeit angleicht.

Alter Kinosaal. Foto: IG (Gemeinfrei)

Apropos Kino: Hier in München gibt es eins. Ich war einmal dort und habe den Film „Schwarzwaldmädel“ angeschaut; davor wurde die Wochenschau gezeigt und so konnte ich mich auch gleich noch informieren, was gerade aktuell ist. Ich weiß nicht, ob Ihr die Geschichte des Schwarzwaldmädels kennt, aber es ist eine Liebesgeschichte mit gutem Ende. Und das Spannendste war, daß der Film in Farbe war. Der Mann vom Kino meinte, das wäre der erste Farbfilm nach dem Krieg.

Wenn der Tischfernsprecher W48 des Professors klingelt, dann ist meistens sein Bruder in der Leitung. Dieser erkundigt sich, ob der Professor noch dies oder jenes im Haus hat, sodaß der Bruder nicht in den Laden einkaufen gehen muss. Dabei gibt es auch die kleinen Einkaufsläden mit der Ladentheke wie zuhause auf dem Land bei Euch.

Als ich dem Professor erzählt habe, wie Ihr zuhause lebt und arbeitet, hat er gesagt: Das müssen ja sehr fleißige und sparsame Leute sein und daß er davor sehr viel Respekt hat. Und wenn ich Euch das nächste Mal besuchen komme, dann soll ich seine Kamera mitnehmen und ein paar Eindrücke von unserem Landleben festhalten. Das hat mich sehr gefreut, daß er sich für meinen Hintergrund interessiert.

Ich schicke Euch liebe Grüße aus München.

Euer Sohn Anton

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