Cyborgs sind schon jetzt Realität

Durch ein kleines Stück Technik, dem sogenannten Cochlea-Implantat, können gehörlose Menschen hören. Ob eine erstmalige Sinneswahrnehmung zu erzeugen oder nach einem Gehörverlust ein Stück Lebensqualität zurück zu geben, das Cochlea-Implantat macht es möglich.

Morgens klingelt der Wecker, aber nicht bei Simon Meinert. Er kann ohne sein Cochlea-Implantat nichts hören, stattdessen beginnt bei ihm ein Stroboskoplicht über dem Bett zu blinken und das Kissen vibriert. „Geräusche würden mich nicht aufwecken, ich nehme meine CI´s zum Schlafen ab und dann bin ich taub“, erklärt er. Meinert hat sein erstes Implantat 1991, im Alter von eineinhalb Jahren bekommen. „Ich war die zweite Person aus Nürnberg, die operiert wurde, erst viel später, mit Anfang 27 bekam ich auf der rechten Seite mein anderes CI“, erinnert er sich.

Hören mittels Strom

Abnehmbarer Teil des Cochlea-Implantats. Quelle: Patric von Ungern-Sternberg Freiherr zu Pürkel

Das Cochlea-Implantat, kurz CI, ist eine Prothese für das Innenohr. Normalerweise funktioniert das Hören über Schallwellen, die Luftdruckschwankungen erzeugen. Das Außenohr leitet diese über die Ohrmuschel und Gehörgang an das Mittelohr weiter. Hier wandeln das Trommelfell und die drei Gehörknöchelchen Hammer, Ambos und Steigbügel die Luftbewegung in mechanische Schwingung um. Die Hörschnecke, lateinisch Cochlea, im Innenohr verortet, transformiert diese Schwingungen nun durch hochsensible Haarzellen in elektrische Impulse. Über den Hörnerv gelangen sie in das Hörzentrum im Gehirn und ermöglichen so ein Hören der Luftdruckschwankungen. Das Cochlea-Implantat, anders als ein Hörgerät, verstärkt nicht die Schallwellen. Durch die Implantation in die Hörschnecke, stimuliert es hier durch Elektroden mit elektrischen Impulsen direkt den Hörnerv, informiert der Deutsche Schwerhörigenbund in ihrem Ratgeber über Cochlea-Implantate.

Vom Experiment zum Implantat

Prozessor und Mikrofon Quelle: Patric von Ungern-Sternberg Freiherr zu Pürkel

Meinert hat Besuch von zwei anderen Menschen mit Hörschwierigkeiten. Sie sitzen am Tisch in der Küche und tauschen Erfahrungen bei einem kleinen Brunch aus. „Man kann die Implantate nicht mit ein und demselben Programm laufen lassen“, sagt Meinert. „Der Draht liegt ja nicht in jeder Hörschnecke gleich drin oder unterschiedlich fest, damit hat man zwei verschiedene Voltzahlen, im Endeffekt zwei verschiedene CI´s.“ Den ersten Beitrag zum Cochlea-Implantat leistete wohl Alessandro Volta, als er um 1800 im Rahmen eines Selbstexperiments Batterien mit zwei Metallstangen verband und sich diese ins Ohr einführte, erläutert Claudia Kapek in ihrem Artikel „Die Geschichte des Cochlea-Implantats“, veröffentlicht auf www.mta-dialog.de. Er bemerkte ein Rütteln im Kopf und ein Geräusch, was er als „ähnlich einer kochenden, dickflüssigen Suppe“ beschrieb. Die medizinischen sowie technischen Entwicklungen und Entdeckungen im frühen 20. Jahrhundert trugen dazu bei, dass es am 25.Februar 1957 zur ersten Implantation eines CI´s kam. Der Patient konnte allerdings nur Geräusche und einfache Worte erkennen. Meinert erklärt: „Früher wurde nur eine Elektrode eingesetzt. Heute sind es 22 bis 24.“ 1978 verwendete Grame Clark erstmals ein mehrkanaliges System mit einem tragbaren Sprachprozessor, der implantierte Rod Saunders war in der Lage zu hören. „So weit ich weiß, war die Motivation von Herrn Clark, dass sein Vater taub wurde“, sagt Meinert. Der Audio- und Sprachprozessor, der die Geräusche in elektrische Impulse umwandelt und an die Magnetspule weitergibt ist mithilfe eines implantierten Magneten an Kopf und Ohr befestigt. „Früher hatte ich einen Kasten, etwas größer als ein Smartphone, an meinem Gürtel befestigt“, erklärt der gelernte Elektrotechniker. „Jetzt ist das Gerät nicht viel größer als ein kleines Feuerzeug.“ Er zeigt auf einen kaum wahrnehmbaren Apparat hinter seinem Ohr. „Die ersten Prozessoren, die ich hatte, haben mir manchmal einen Stromschlag verpasst und auch, wenn die Technik sich verbessert hat ist Musik, vor allem mit verzerrten Gitarren, noch lange kein Genuss“, sagt er.

Aussichten für Betroffene

Das Telefon klingelt. An der Wand gegenüber dem Tisch fängt gleichzeitig ein Stroboskoplicht an zu blitzen. Meinert steht auf und sagt: „Die Türklingel und das Telefon sind wie mein Wecker mit Blitzlichtern ausgestattet, dann bekomme ich das auch sicher mit.“ Nach Angabe des wissenschaftlichen Dienstes Deutscher Bundestag sind in Deutschland um die 50.000 Personen von Gehörlosigkeit betroffen, schätzungsweise 25.000 bis 30.000 davon haben ein Cochlea-Implantat. Genaue Zahlen gibt es aufgrund mangelnder Dokumentation nicht. Die Kosten der Operation übernehme die Krankenkasse vollständig, erklärt Meinert, durch eine vertragliche Festlegung belaufen sich die Kosten auf um die 40.000 Euro pro Implantat. Die Max-Planck-Gesellschaft zeigt in dem Artikel „Schnelle Lichtkanäle befeuern das Hören“ eine Alternative zum bisherigen Cochlea-Implantat: Dem optogenetischen Cochlea-Implantat. Anders als mit elektrischen Impulsen, wird hier mit Lichtimpulsen gearbeitet. Gentechnische Verfahren ermöglichen einen lichtempfindlichen Ionenkanal, der aus einer einzelligen Alge stammt, in die Zellmembran zu integrieren. Das aktiviert die Nervenzelle über Lichtsignale. Eine deutlich bessere Hörwahrnehmung soll dieses Verfahren ermöglichen. „Das wäre echt genial, dann könnte ich auch richtig Musik hören“, sagt Meinert begeistert.

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