Das Fenster in die Welt

Erwin Brunner war auf dem Weg zu der Leistungs- und Gewerbeschau 1951 in Fürth. Er war skeptisch. Zwar hatte seine Tochter ihm von einer wahren Attraktion erzählt, die er hier erleben würde und die Fürther Nachrichten berichteten gar von einem „lange erwarteten Startzeichen“ und einer „festlichen Uraufführung“, davon überzeugt war er aber nicht. Erwin konnte die Begeisterung nicht teilen.

Das Fernsehen war für seinen Geschmack ziemlich überflüssig. In Zeiten wie diesen gibt es andere Sorgen, dachte er sich. Der Frieden ist wiederhergestellt und die Nahrungsversorgung wieder gesichert. Deutschland aber immer noch geteilt. Wer weiß, wie das weitergehen würde. Unterhaltung ist im Vergleich dazu nun wirklich nicht wichtig, außerdem haben die Leute doch Radios.

Er seufzte und blieb kurz stehen. Seine Hüfte fing wieder an wehzutun. Es war ein ekliger Herbsttag und er bereute, das Haus verlassen zu haben. Der Wind blies unter seine Jacke. Er stütze sich auf seinen Gehstock und ging weiter. Er hatte seiner Tochter nun mal versprochen hinzugehen. Allgemein war sie der Meinung, er solle wieder mehr unternehmen, nicht nur zuhause rumsitzen. Es ärgerte ihn, wenn sie so mit ihm sprach. Sie wusste ganz genau, dass er Probleme mit der Hüfte hatte und mit 60 Jahren musste auch niemand mehr die Welt verändern.

Grundigs erste Übertragung

Er betrat das Gartenschau-Gelände. Vor einer Woche wurde die Leistungs- und Gewerbeschau parallel zur Gartenschau mit einem riesen Ereignis eröffnet. Max Grundig präsentierte den Besuchern die erste Fernsehübertragung Süddeutschlands. Seine Firma Grundig sendete von dem Dach der Grundig-Werke erstmals bewegtes Bild, welches auf dem Gelände des Humbser-Sportplatzes mit mehreren Grundig-Fernsehempfängern ausgestrahlt wurde. Die Distanz waren lediglich 500 Meter, weshalb Erwin den Tumult um die Sache noch weniger verstand. Natürlich hatte er keine Ahnung, wie irgendwas davon funktionierte. Es war ihm aber auch egal. In seiner Bäckerei, da kannte er sich aus. Ein echtes Handwerk, ganz ohne Technik. Wichtig für die Menschen, um Brot zu haben. Da wusste er, wofür er sich quälte, heute wusste er es nicht.

Der Grundig Prototyp 080
(Foto: Regine Franzke)

So viele Leute auf einmal hatte Erwin lange nicht mehr gesehen. Auf der Fürther Kirchweih vielleicht mal oder auf Märkten, aber da ging er schon lange nicht mehr hin. Er war etwas spät dran, die Filmvorführung würde gleich losgehen. Seit der Eröffnung wurde hier nun täglich der Film „Grock“ gezeigt. Erwin wusste, dass die Grundig-Ingenieure extra nach Hamburg gefahren waren, um die Geräte monatelang zu testen. Denn in Hamburg gab es den einzigen deutschen Sender. Der NWDR wurde 1945 von den Briten errichtet. Unbeaufsichtigte Sendetätigkeit von Deutschen wurde nach dem Kriegsende verboten.

Erwin mischte sich unter die Leute und war bald im Saal, wo die Filmvorführung stattfinden sollte. Es wunderte ihn, dass der Film noch nicht angefangen hatte, doch er sah nun das erste Mal die Fernsehgeräte. Auf einem Schild las er, dass dies der Grundig Prototyp 080 war. Er erkannte das Design. Er selbst hatte einen Musikschrank zuhause, der dieselbe Holzverkleidung hatte. Lediglich mit dem Unterschied, dass hier jetzt noch ein schwarzes Bild zu sehen war und keine Klappe zum öffnen und Platten auflegen. Seinen Musikschrank fand er schon immer hübsch. Er musste sich also eingestehen, dass die Holz-Kästen, die Filme zeigten, auch nicht schlecht aussahen.

Eine Stimme ertönte. Sie teilte mit, dass sich die Filmvorführung wegen technischen Schwierigkeiten noch verzögerte. Als hätte er es nicht schon geahnt. War doch klar, dass dieser neumodische Technikkram nicht funktioniert. Jetzt hatte er sich trotz des schlechten Wetters extra auf den Weg gemacht und trotz Schmerzen in der Hüfte durch die Menschenmassen gequält. Das alles wegen eines Geräts, das ihn eh nicht interessierte und jetzt auch noch nicht mal funktionierte. Das einzig Positive war, dass er das morgen seiner Tochter schön unter die Nase reiben würde, was sie ihm angetan hatte.

Schlecht gelaunt verließ er den Saal. Er kam durch die vielen Menschen mit seinem Gehstock nur langsam voran. Draußen angekommen blieb er wieder kurz stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Jetzt musste er nur noch den Nachhauseweg schaffen, dann würde er endlich wieder auf seinem Sofa sitzen bei einer Tasse Tee.

 

Unfall mit positiven Folgen

Plötzlich rannte jemand gegen ihn. Sein Gehstock wurde durch den Aufprall weggerissen und Erwin verlor das Gleichgewicht. Der Schmerz aus seiner Hüfte schoss durch seinen ganzen Körper. Er kniff die Augen zusammen vor Schmerzen und schrie kurz auf. Ein Arm stütze ihn, sodass er wieder sein Gleichgewicht fand.

Walter Mayer 1952 am Grundig -Werksfernsehsender in der Kurgartenstraße 47 in Fürth
(Foto: A. Mayer: Grundig und das Wirtschaftswunder. S.47 / Sammlung A. Mayer, diese Datei steht unter der Creative Commons-Lizenz cc-by-sa-3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/)

Er hörte ein mehrmaliges „Entschuldigung“, doch Erwin brauchte einen Moment, um wieder zu sich zu finden. Der Schmerz ließ allmählich nach und er machte die Augen wieder auf. Neben ihm Stand ein junger Mann, vielleicht um die 20 Jahre alt. Er stützte ihn und blickte ihn erwartungsvoll an: „Entschuldigen Sie bitte, ich war gerade so in Eile und habe Sie nicht gesehen. Ich bin Ludwig Schroll, ich mache meine Lehre hier in Fürth bei Grundig, kann ich irgendwas für Sie tun, dass es wieder besser geht?“

Erwin war sauer, aber zu schwach, um dem Jungen die Meinung zu sagen. Er brachte nur hervor, dass er sich gerne setzen würde, woraufhin Ludwig ihn zu einer nahestehenden Bank brachte und sie sich hinsetzten.

„Sie sind bestimmt wegen der Fernsehaufführung hier“, fing Ludwig an zu reden. „Ist schon toll, oder? Wenn man sich überlegt, dass man Dinge auf einem Bildschirm sehen kann, die im gleichen Moment ganz anderswo passieren, echt faszinierend. Für mich ist das Fernsehen wie ein Fenster in die Welt. Sie können die Welt erleben, obwohl Sie zuhause sind. Wie wenn Sie durch ihr Küchenfenster schauen, nur statt Ihre Nachbarschaft zu sehen, können Sie alles Mögliche sehen. Sie wissen ja bestimmt, dass das hier in Fürth Walter Mayer und Max Grundig zu verdanken ist.“ Erwin sah ihn nur unglaubwürdig an.

Das Interesse wächst

„Ach, wissen Sie nicht. Also, der Herr Mayer ist bei Grundig als Ingenieur beschäftigt und ist an eine Kamera aus Amerika gekommen. Zusammen mit einigen Kollegen hat er – nachdem sein Chef Max Grundig den Vorschlag machte – in mühseliger Kleinarbeit einen Sender gebaut. Wir Lehrlinge hatten echt keine Ahnung von den Arbeiten, haben nichts mitbekommen. Der Grundig hat wirklich ein goldenes Händchen, was den Rundfunk angeht. Aber den Fernsehempfänger haben Sie schon gesehen oder?“

Die Bildröhre des Grundig Prototyp 080 bei Reparaturarbeiten. Im Vordergrund sind kleine Röhren zusehen, die zu der Erzeugung der Hochspannung erforderlich sind.
(Foto: Ludwig Schroll)

Der junge Mann war kaum zu stoppen in seinem Redefluss. Erwin nickte. „Tolles Gerät! Das ist der Grundig Prototyp 080. Die null, weil die Geräte als Nullserie produziert wurden, also nur zu Vorführzwecken und nicht für den Handel. Die 80, wegen der Stückzahl. So ein Gerät besteht aus etwa 1000 Bauteilen und ungefähr 750 Verbindungen müssen verlötet werden. Die Schritte werden von den Ingenieuren natürlich genaustens festgehalten. An den Geräten arbeiten tun dann aber die Frauen. Die haben doch die geschickteren Hände. Der Grundig 080 läuft übrigens mit einer Bildröhre. Ich kann Ihnen gerne erklären, wie die funktioniert, wenn Sie interessiert sind. Aber kommen wir erst mal wieder zu Ihnen, geht es besser?“

Erwin hatte Ludwig aufmerksam zugehört. Anfangs war er noch wütend auf ihn gewesen, weil er seinen Tag noch schlimmer gemacht hatte. Die Faszination für den Fernseher aber hat auf irgendeine Weise ansteckend auf Erwin gewirkt. Mit dem ganzen Hintergrundwissen erschien Erwin die ganze Geschichte doch nicht so uninteressant. Er hatte wieder Energie sammeln können und kam nun auch mal zu Wort: „Ja, es geht langsam wieder. Sie scheinen ja wirklich Bescheid zu wissen. Ich war eigentlich auf dem Heimweg, es gab technische Schwierigkeiten bei der Filmvorführung.“

 

3 Minuten, 625 Zeilen und 12.000 Volt

„Ja das kann manchmal passieren“, antwortete Ludwig, „die Zuschauer werden auch oft ungeduldig, weil der Fernseher erst mal drei Minuten zum Aufheizen braucht. Aber wissen Sie, die Bildröhre benötigt eine Hochspannung von 12.000 Volt, damit Elektronen aus dem Kathodenglühdraht herausgelöst werden können, das braucht halt seine Zeit. Insgesamt sind zwanzig Röhren in dem Fernseher verbaut, um diese Spannung überhaupt erzeugen zu können. Die Elektronen werden dann anschließend in der Bildröhre durch das Anodenloch beschleunigt und durch zwei Ablenkspulenpaare in horizontale und vertikale Richtung abgelenkt, damit die Elektronen dann auch an der richtigen Stelle auf den Bildschirm auftreffen. Dort erzeugen sie dann Helligekeit durch eine spezielle Leuchtstoffschicht. Das Prinzip ist wie bei der Braun’schen Röhre, nur statt Kondensatoren hat man eben diese Spulenpaare. Ein Bild besteht aus einzelnen Bildpunkten, den sogenannten Pixeln, die in 625 Zeilen angeordnet sind. Die Zeilen werden nacheinander im Zeilensprung abgetastet. Das bedeutet, dass zuerst die ungeraden und dann die geraden Zeilen abgetastet werden. Wäre das nicht so, würde das Bild flimmern. Das Ganze passiert in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit, kaum vorstellbar.“

Erwin war verblüfft, das war höchst komplex für ihn und schwierig zu verstehen. Er musste an vielen Stellen noch mal nachfragen, bis er es wirklich verstanden hatte, doch Ludwig wurde nicht müde, ihm alles zu erklären. Sie saßen da eine ganze Weile. Erwin hatte seine Schmerzen und seine schlechte Laune vergessen.

Irgendwann musste Ludwig weiter, er müsse noch einiges erledigen und seine Lehre finge morgen wieder pünktlich um 6:50 Uhr an, Herr Grundig verstehe da keinen Spaß. Unter den Lehrlingen sei es außerdem Ehrensache auch nach einer kurzen Nacht zu erscheinen. Als sie sich verabschiedeten, waren sich beide einig, dass das Fernsehen zwar eine interessante Sache sei, es dem Radio aber keine Konkurrenz machen würde.

Der Grundig Prototyp 080 steht heute noch funktionsfähig bei Ludwig Schroll zuhause.
(Foto: Ludwig Schroll)

Erwin machte sich zufrieden auf den Heimweg. Die Unterhaltung hatte es ihm richtig angetan. Was wird seine Tochter nur für ein Gesicht machen, wenn er ihr erzählt, was er heute alles gelernt hatte. Seine Schmerzen spürte er zwar kaum mehr, doch war er zu erschöpft, um noch mal einen Blick auf den Grundig Prototyp 080 zu werfen. Er nahm sich aber fest vor, noch einmal wiederzukommen. Wirklich verrückt was die Menschen alles erfinden, dachte er sich. Es war wirklich eine wahre Attraktion, wie seine Tochter gesagt hatte. Wenn die Fernseher irgendwann auf den Markt kommen sollten, würde er sich vielleicht sogar auch einen holen. Hübsch fand er sie ja sowieso. Ludwig hatte ihm erzählt, dass in Amerika bereits Fernseher bei den Familien zuhause stehen, es hier aber noch viel zu teuer sei.

Er spann den Gedanken weiter. Auch wenn seine Hüfte sich weiter verschlimmern würde, so könnte er, wie Ludwig gesagt hatte, trotzdem von zuhause aus durch das Fenster in die Welt schauen und nichts verpassen. Was für eine aufregende aber doch weit entfernte Vorstellung.

 

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