Gesundheitsbildung schon im frühen Alter

In den Einrichtungen der Stadt Nürnberg haben gesunde Lebensmittel und biologischer Anbau einen immer höheren Stellenwert. Neben Veranstaltungen und Kulturläden sollen vor allem Schulen und Kitas ein gesundes und bewusstes Essverhalten unabhängig vom sozialen Status fördern.

Jedes zehnte Kind von 1 bis 17 Jahren ist übergewichtig oder sogar adipös. Ein Trend, den Süßwaren und zuckerhaltige Getränke vorantreiben. Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht im jungen Alter. Das führt am Ende dazu, dass in der Lebenserwartung zwischen dem oberen und dem unteren Fünftel der sozialen Schichten ein Unterschied von zehn Jahren besteht. Handlungsspielraum hat hier die Kommune, denn Kindergarten, Schule oder andere Bildungsangebote sind wichtige Wegweiser bei der Gesundheitsbildung von Kindern.

Gesundheitliche Chancengerechtigkeit und gesundheitsfördernde Lebensverhältnisse sind die Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung und wirtschaftlichen Fortschritt. Damit kann das Nachhaltigkeitsziel der Stadt Nürnberg „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern” im 4. Nachhaltigkeitsbericht auch langfristig eingehalten werden. Die Folgen von fehlendem Gesundheitsbewusstsein bleiben ein Leben lang erhalten. Aus Kindern mit gestörtem Essverhalten können Erwachsene mit beeinträchtigenden gesundheitlichen Problemen werden, die sich dann erst zu spät um ihre Gesundheit sorgen.

Den Bioanteil steigern

Die Stadt Nürnberg hat zahlreiche Aktionen, Programme und Fortbildungen ins Leben gerufen, um Heranwachsenden ein gesundes Leben und ihre Heimatstadt als Biometropole und Teil des Gesunde-Städte-Netzwerks näherzubringen. „Immer dort, wo in städtischer Verantwortung Essen angeboten wird, versuchen wir, in eine gesunde Richtung Einfluss zu nehmen“, meint Werner Ebert. Er ist im Umweltreferat zuständig in den Bereichen Biostadt, Ökolandbau und fördert entsprechende Aktionen. Das Netzwerk BÖE für Bildung, Ökolandbau und Ernährung bringt verschiedene Experten aus diesen Gebieten zusammen. Dabei richtet es sich stark an Schulen, aber auch an Erwachsene. Es geht um den Zusammenhang von Landwirtschaft, Ökolandbau und Biolebensmitteln – also gesunder Ernährung und Gesundheit.

Außerdem ist Werner Ebert Projektleiter der BIO-Brotbox-Initiative, die bereits seit 16 Jahren ein fester Bestandteil in der Metropolregion ist. Erstklässlern wird zur Einschulung eine wiederverwendbare Frühstücksdose mit Zutaten aus ökologischer Landwirtschaft geboten. Die Aktion hat Vorzeigecharakter und ruft durchweg positive Resonanzen hervor.  Bei diesem einen Tag soll es natürlich nicht bleiben, weitere Planungen und Projekte gibt es bereits. In den Schulen und Kitas hat der Nürnberger Stadtrat feste Ziele für den Bioanteil beschlossen. „Im Bereich der Kitas haben wir das bisherige Ziel erfüllt. Das war ein Bioanteil von 75 Prozent bis 2020. In den Schulen sind es 20 Prozent, obwohl das Ziel 50 Prozent waren“, erklärt Ebert. In Kindergärten läuft das Projekt reibungslos aufgrund der zentralen Essensorganisation des Jugendamtes, in Schulen liegt die Zuständigkeit in der Hand der einzelnen Institutionen.

Aufklärung und Bildung schon im jungen Alter

Bauernhof und Hühner können die Kleinen bei der Woche der Nachhaltigkeit hautnah erleben. Foto: Conny Merkel-Schlenska

Martina Strobel ist Leiterin eines Kindergartens im Landkreis Amberg-Sulzbach. Sie hofft in der Gesundheitsbildung ihrer Schützlinge noch Einiges zu erreichen. „Wir haben noch die Kontrolle darüber, was die Kinder essen. In der Schule schaut keiner mehr so genau hin“, weiß sie. Wie andere Kindergärten in Bayern arbeitet dieser nach dem bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan. Darin ist Gesundheit genauso wie Bewegung ein fester Bildungsbereich. Seit ein paar Jahren gibt es in Nürnberg im Oktober eine Woche Erlebnisprogramm zum Thema Landwirtschaft und Ernährung für Grundschulen: Die Woche der Nachhaltigkeit. Dort erleben die Grundschüler einen Sinnesparcours mit verschiedenen Lebensmitteln, besuchen einen Bauernhof oder kochen gemeinsam. Zum selben Themenbereich hat das bayerische Kultusministerium auch ein neues Programm gegründet. Bei „Schule fürs Leben“ sollen Kinder zweimal in ihrer Schullaufbahn an einer Projektwoche teilnehmen. Beides sind erste Ansatzpunkte, um die Kinder auch nach dem Kindergarten zu einer gesunden Lebensweise zu führen.

Der Kindergarten St. Walburga bekommt das Mittagessen von einem Caterer aus Regensburg, dessen Speiseplan sich nach der deutschen Gesellschaft für Ernährung richtet. Seit einem Jahr ist er biozertifiziert. Es gibt ausgewogene Mahlzeiten, Fleisch, Fisch oder vegetarische Gerichte. „Wir portionieren das Essen, aber die Kinder entscheiden, wie viel sie essen. Wir zwingen niemanden zum Aufessen“, stellt Martina Strobel klar. Die Lieblingsspeise der Kinder: Nudeln – da darf dann sogar mal Brokkoli- oder Paprikasoße dabei sein. Die Stadt Nürnberg bietet spezielle Workshops für Caterer und Großküchen an und stellt somit die Verbindung für gesunde Ernährung in städtischen Einrichtungen her. Zur freien Brotzeit am Vormittag, bei der die Kinder selbstgemachte Brote von Zuhause mitbringen, gibt es frisches Obst vom Biohof. Das wird staatlich gefördert und bei den Kindern kommt das Obst gut an.

„Viele Kinder essen öfter bei uns als Zuhause“

Eine gesunde Brotzeit, am Besten ohne Verpackungsmüll. Foto: Julia-Maria Bauer

Martina Strobel fügt hinzu, dass neben den gesunden Snacks auch auf den Verzicht von Verpackungsmüll geachtet wird. Ein Bio-Mittagessen im Kindergarten kostet 3,40 Euro. „Der Preis ist nicht wenig, aber ich sehe, dass es den Eltern wert ist, wenn die Kinder eine Mahlzeit haben und sie keine Arbeit“, meint die Kindergartenleiterin. Trotzdem gibt es auch mal etwas Süßes, wenn der Nikolaus kommt oder selbst gebacken wird. Die Aktion zuckerfreie Kita gab es auch schon. Davon hält die Kindergärtnerin aber wenig. „Die Kinder müssen einfach den Umgang mit Zucker lernen”, meint Martina Strobel. Ein Verbot würde es ihrer Meinung nach umso interessanter machen. Das Erreichen dieser Selbstkontrolle geht dann beim Fernsehen und Internet weiter. Brotzeit macht die Kita-Leitung so oft wie möglich mit den Kindern gemeinsam. Beim Mittagessen kümmert sich das Personal jedoch um die Essensausgabe.

„Es ist eine Vorbildfunktion, miteinander zu essen, und für Kinder ist diese Tischgemeinschaft wichtig“, betont Martina Strobel. Den Stellenwert von gemeinsamem Essen zeigt auch die aktuelle AOK-Familienstudie aus dem Jahr 2010. Nur noch etwa 50 Prozent der Eltern nehmen Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot gemeinsam mit ihren Kindern ein. Bei der anderen Hälfte sind fast ein Drittel der verbleibenden Kinder übergewichtig. Aus Personalgründen kann ein Kindergarten eine Tischgemeinschaft kaum bieten. An diesem Punkt knüpft die Rolle der Eltern an. Der Ansprechpartner der Stadt Nürnberg, Werner Ebert, kennt die Schwierigkeiten der Elternarbeit: „Wir wollten bei der Brotboxaktion Feedback von den Eltern einholen, aber die sind schwer zu erreichen.“ Für Martina Strobel ist die Mitarbeit der Eltern ebenfalls ein wichtiger Anknüpfpunkt: „Bei den Kindern bleibt vielleicht ein bisschen was hängen, aber ich kann nicht auch noch die Eltern erziehen.”

Nachhaltigkeit im Alltag

Anreize für die Nachhaltigkeit setzt die Stadt Nürnberg auch im Freizeitbereich, zum Beispiel mit eigenem landwirtschaftlichen Betrieb im Tiergarten, in den Kulturläden oder mit der Einführung von Bioprodukten auf den Ständen des Christkindlesmarktes. Veranstaltungen wie Bio erleben und Exkursionen zu spannenden Betrieben sollen Menschen jeden Alters informieren und motivieren, ein Teil der Biobewegung der Metropolregion Nürnberg zu sein. Doch der Kampf gegen die Industrie und die immer knapperen Zeitfenster der Menschen ist hart.

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