Buchsen-, Programmierfeld des Analogrechner RAT 700- nahaufnahme

Die Gleichung muss am Ende aufgehen

Dieser Moment, in dem dir klar wird, worauf du dich eigentlich eingelassen hast. Ich bin gerade in solch einem Moment gefangen. Und jetzt sitze ich seit zwei Stunden an meinem Schreibtisch und komme nicht weiter.

Dabei hört sich die Aufgabe für das Studienprojekt machbar an. Es wird lediglich verlangt, eine Erfindung der Vergangenheit umfassend zu erklären. Dazu noch eine schicke Präsentation und einen technischen Brief abgeben und das wars. Ich habe mir sogar ein Gerät aussuchen dürfen. Aber wie es so oft ist, war die Neugier größer als der Verstand. Ich habe die Ehre, den „Tischanalogrechner RAT 700“ zu erklären. Klingt kompliziert. Ist es auch. Aber so ist es nun, die mathematisch-physikalische Rechenmaschine der sechziger Jahre ist die Grundlage meiner Prüfungsleistung, meiner großen Präsentation.
Ich verzweifle an meiner Entscheidung. Den ersten Satz, den ich über mein Gerät lese: Kaufmännische oder gar algebraische Berechnungen sind mit diesem Gerät nicht möglich. Ich bin verloren. Aber aller Anfang ist eben schwer. Mein Motivationsspruch für das Projekt.

Alle Uniprojekte eines Studenten beginnen mit Google. Ein „volltransistorisierter Analogrechner in Tischgehäuse für Langzeit- und repetierendes Rechnen“, steht auf der Seite des Deutschen Museums. Sschon bin ich raus aus dem Thema. Und das schon nach dem ersten Satz. Neben dem Text ist eine Darstellung von einem viereckigen grauen Kasten, der unfassbar viele Tasten besitzt. Ich rufe nach und nach die Google-Ergebnisse auf. Nur Fachartikel. Also, sie klingen für mich wie Fachartikel. Für Profis sind sie wahrscheinlich leichte Lektüre. Es ist passiert, ich habe die dritte Seite der Suchergebnisse bei Google aufgerufen. Jeder Student weiß, wenn die zweite Seite nach Informationen durchkämmt wird, dann ist es ernst, dann steht man vor einem sehr komplexen Thema. Vielleicht gehe ich das Thema auch falsch an. Neuer Versuch, neuer Suchbegriff: Analogrechner. Und auf einmal weiß auch Wikipedia was dazu. Wenn sogar Wikipedia etwas zu sagen hat, dann kann das ja alles gar nicht so schwer sein. Recht schnell wird klar: Der Analogrechner kommt aus der Familie der Rechenschieber. Er berechnet mathematische und technische Probleme. Er simuliert ein vorgegebenes Problem in einem physikalischen System. Und die grundlegenden Rechenelemente, die das Gerät dabei benutzt, sind Summierer, Integrierer, Funktionsgeber… Ich bin schon längst wieder raus. Ich kann nur hoffen, dass der Ausflug ins Deutsche Museum nach München mir helfen kann.

 

München hin und zurück

Die Bibliothek und das Archiv des Deutschen Museums in München, das ist meine vorerst letzte Hoffnung. Nach rund zwei Stunden sind wir endlich im Museum angekommen und gefühlte zehn Einführungen in das Archiv später ist es soweit. Ich bekomme die Materialien, die das Museum über meinen Telefunken Tischrechner RAT 700 im Archiv gefunden hat. Von Abmessungen und Steckbriefen bis hin zur Werbung ist alles mit dabei. Das Problem ist nur: Das Meiste hat nichts mit meinem Modell, dem RAT 700, zu tun. Ein vorläufiger Informationsbogen des RAT 700 ist beigelegt. Wenigstens weiß ich jetzt, dass früher die Definition von einem Tischrechner definitiv eine andere als heute gewesen sein muss. Denn 78 Kilogramm wiegt heutzutage kein Tischrechner mehr und niemand würde das fast 70 Zentimeter hohe Gerät als Tischrechner bezeichnen. Die Fachbücher haben sich auch mehr mit der Entwicklung der Rechner allgemein befasst. Nur ein kleiner Absatz dreht sich um mein Rechnermodell. Dafür finde ich Details über die Geschichte der elektrischen Analogrechner. Wie Helmut Hölzer im Jahre 1939 die erste Integrieranlage in Deutschland entworfen hat. Natürlich ist die Erfindung sofort im Militär zur Lenkung und Stabilisierung der Raketenflugkörper eingesetzt worden. Aber dadurch ist die Entwicklung der Analogrechner erst so richtig losgegangen und in den Sechzigern so erfolgreich gewesen. Aber mehr war in München nicht für mich da. Ich habe nicht alles verstanden, aber wenigstens habe ich etwas gefunden – theoretisch. Aber mein größtes Problem: Ich habe mein komplexes Wunderwerk der Technik noch nie gesehen. Es ist Zeit, ich komm nicht drum herum, ich muss wohl ins Archiv meiner Hochschule.

 

Das erste Aufeinandertreffen

Telefunken Analogrechner RAT 700 - frontalansicht

Telefunken Tischanalogrechner RAT 700 – Frontansicht Foto: Andre Wengenroth

Es ist fast kuschelig hier unten. Im ersten Moment fühlt es sich wie eine Zeitreise in die Geschichte der Technik an. Als würden alle wichtigen Erfindungen hier drinnen stehen. Und mein Gerät gehört dazu. Vielleicht ist es ja nicht so grauenvoll, wie ich es mir ausmale. Eine Studentin, die im Archiv arbeitet, zieht mit mir den Tisch vor einem Regal weg und zeigt auf einen grauen Kasten. Nun stehe ich davor, vor diesem Rechencomputer der alten Zeit. Das ist also das Gerät, was mir den letzten Nerv raubt.  Inzwischen habe ich versucht, richtig viel zu lesen, damit es am Ende leichter ist es zu verstehen, wenn ich davor stehe. Und Tatsache. Ich erkenne die fünf Unterteilungen des Geräts. Ganz oben befinden sich der Rechenverstärker und das Netzgerät. Der Rechenverstärker ist das wichtigste Element im Analogrechner. An ihm kann man mittels 15 Schaltern unterschiedlichste Rechenarten verwenden. Sprich die Addition, Integration und so weiter. Daneben ist der Gleichspannungsverstärker montiert und natürlich das Netzgerät.

 

Der Rechner hat richtig viel zu bieten. Darunter ist nämlich ein Funktionsgeber befestigt. Daran kann man mit einem Dreh vorinstallierte Funktionen einstellen, um so auch für schwierige Gleichungsprobleme eine Lösung zu finden. Darunter war das Potentiometerfeld installiert. Google sagt, dass man damit die Widerstände stufenlos verändern kann. Auch schon wieder etwas, was wahrscheinlich total innovativ und nützlich gewesen ist. Und zum Schluss hat man diese riesige Platte vor sich: das Programmierfeld. Es ist bunt und mit unzähligen Löchern oder eher Steckbuchsen versehen. Auf dem Analogrechner sind damals die Gleichungen nicht in einem Rechner oder Computer, wie heute, eingegeben worden. Mit den verschiedensten Steckern hat man die Gleichung am Programmierfeld zusammengestöpselt. Daher kommt wohl der Begriff Kabelsalat. So einiges ist mir jetzt klar. Aber ich muss das erklären können, mir fehlt also ein Beispiel. Klar, ich weiß, es ist in vielen Anwendungsgebieten der Naturwissenschaften verwendet worden. Eben überall, wo man Integrale berechnet und Gleichungen aufstellt. Aber ich brauche noch einen Experten. Denn sonst bringt mir jedes Buch nichts, wenn ich es nicht an einem Beispiel erklären kann.

 

Der Experte: Meine Rettung

Physikprofessor Dr.Thomas Lauterbach ist meine letzte Hoffnung.  Ich lege ihm ein Masse-Feder-Dämpfer-System vor und bitte ihn, es mir zu erklären. Sein erster Satz bringt mich ins Schwitzen.  „Das müssen Sie doch noch vom zweiten Semester kennen! Die Gleichung haben Sie auch aufstellen müssen.“ Erwischt. Sicherlich habe ich die Gleichung schon mal in meiner Vergangenheit gesehen, das war es aber auch schon. Die Mechanik war früher eines der Hauptgebiete von Analogrechnern. Ich will nur eine einfache Erklärung und nicht in den physikalischen Tiefen kramen. Milde lächelnd antwortet er, dass er auch nie so richtig mit dem Gerät gearbeitet hat, aber er versucht es mal. Zurück zum Beispiel: „Du willst die Auslenkung eines Stoßdämpfers in einem Fahrzeug ausrechnen, das ist deine technische Problemgleichung.“ Klingt ja eigentlich noch logisch. Ich weiß ja, dass man mit dem Analogrechner kein nummerisches Ergebnis berechnet, sondern man simuliert die Problemgleichung mittels physikalischer Größen, wie zum Beispiel Spannungen. Das Ergebnis wird durch eine Simulation an einem Oszillator angezeigt.

Buchsenfeld und Bedienungsgerät- und Multiplikator des Tischrechner RAT 700

Buchsenfeld und Bedienungsgerät- und Multiplikator des Tischrechner RAT 700 Foto: Andre Wengenroth

Der Professor erklärt mir, dass ich zuerst die Problemgleichung in eine Rechenschaltung übersetzen muss. Und diesen Schaltplan stöpsele ich dann in das Programmierfeld ein. Die Werte kann ich mit den verschiedenen Teilen beliebig verändern und so bekomme ich einen Graphen, der die verschiedenen Dämpfungswerte anzeigt. Die Werte brauche ich, um die Auslenkung abzulesen, denn ist die Auslenkung zu hoch, kann das hohe Schäden am Fahrzeug verursachen. Der Vorteil des Analogrechners: Er ist einfach zu programmieren und stellt über einen Oszillator das Ergebnis anschaulich dar. Und zuguterletzt ist die Rechenzeit unabhängig von der Komplexität des Problems. Ich habe das Grundprinzip verstanden.

 

Ich will nicht mehr nachfragen. Thomas Lauterbach grinst nur und sagt: „Das ist eigentlich schon genug. Sie wollen ja nicht die ganze Physik heute verstehen. Und rechnen mit Analogrechnern, das macht man nicht mehr. Dafür haben wir den Computer mit den Simulationsprogrammen.“ Ich fange auch an zu grinsen. Ich gehe heim. Ich liege wieder auf der Couch und denke darüber nach, was das Projekt für ein Stress gewesen ist. Und das nur wegen dieser einen falschen Entscheidung. Diese Momente, in denen du dir denkst, ich schaffe das nicht – aber am Ende feststellst, dass nur der Anfang schwer war.

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